Mascha Rabben über ihre erste Begegnung mit Osho
Auszug aus "Begegnung mit Niemand" von Osho, Ki-Buch Verlag

Kapitel 6

(...) Wir mussten zwei Stiegen erklimmen, um ins Erdgeschoss zu kommen, weil das Haus auf meterdicken viereckigen Säulen stand. Eine Tür stand offen. Wir traten ein. Vor einem schmalen Schreibtisch saß eine winzig kleine Inderin mit einem orangefarbenen Kopftuch, deren Zipfel sie nach hinten gebunden hatte. Sie war vielleicht vierzig Jahre alt, vielleicht auch dreißig oder sechzig. Sie wirkte mädchenhaft, keine Linie im Gesicht und doch alt. Uralt. Hinter ihr türmte sich eine gigantische Bibliothek hinter Glaswänden. Ein paar orange gekleidete Leute saßen auf einer Couch. Ein Inder bügelte lange weisse Hemden.

Die kleine Frau hinter dem Schreibtisch richtete ihre Augen auf Chaitanya, der stotternd sein Anliegen vortrug, dann auf mich, die hinter ihm sichtbar wurde.

Noch nie hatte ich solche Augen gesehen. Sie waren tiefdunkelbraun und hatten etwas seltsam Leeres, wie farbige Glasmurmeln, durch die man hindurchsehen kann, ohne auf einen Widerstand zu stoßen. Und doch waren diese Augen überaus seelenvoll. Aufmerksam blickte sie immer wieder zwischen uns hin und her und doch schien ihr Blick festzustehen; festgeschraubt auf einen Punkt in großer Ferne. Vielleicht auch kein Punkt, sondern eher eine Weite, in der sich nichts rührte. Eine Weite, die ihr unveränderlich vor Augen stand.

Sie schaute mich an, ich fühlte mich erkannt und klein vor ihr. Sie lächelte, sagte etwas, das ich schon fast nicht mehr hören konnte, und blickte dabei durch mich hindurch, als wäre ich garnicht vorhanden.

Diesen Blick kannte ich, auch wenn ich ihn noch nie bei einem lebenden Menschen gesehen hatte.

Mir wurde schwindelig vor entzücken. Sie notierte unsere Namen mit der Ernsthaftigkeit eines Kindes, das gerade schreiben lernt.

"Großer Gott" ging es mir durch den Kopf, "wenn das die Sekretärin ist, dann möchte ich den Chef sehen."

Kapitel 7

Es gab keine Zeit des Kennenlernens, denn nie war ich ohne Ahnung von dir.


Die Stille in dieser Bibliothek, in diesem Wohnzimmer oder Aufenthaltsraum, was es nun auch sein mag, ist wie ein Wattebausch, der alles aufsaugt. Ich sinke in das Sofa. Chaitanya ist beim Meister. Er darf, weil er einen Namen und die Kette hat. Ich habe der Inderin, die sich selbst in der dritten Person als "Lakshmi" bezeichnet nicht antworten können, ob ich sehen wollte. Mir war der Atem ausgeblieben. Ob ich ihn nun sehe oder nicht ist mir gleichgültig. Dieses wunderliche Schweigen, das sich überall im Raum verbreitet, ist mehr, als ein Mensch erwarten darf. Die Augen fallen mir zu.

"Ma, Ma!" Ich schreckte hoch; Sie winkte mir, diese Inderin, sie meinte tatsächlich mich. Ich soll aufstehen, ihr folgen. Sie geht voraus durch ein kurzes Stück Korridor - ach, ist die winzig, vorher wirkte sie riesenhaft - sie reichte mir gerade bis zur Achsel. Sie bedeutet mir mit einem Kopfnicken, ich solle die Klinke an einer Tür herunterdrücken.

Das Zimmer ist vollkommen leer, bis auf die linke Ecke. Dort sitzt ein Mann im Sessel. Chaitanya hockt seitlich auf dem Boden neben ihm. Ich weis nicht, wie mir geschieht, warum ich, auf Wattebäuschen dahingleite, zu seinen Füssen lande und mich verneige, als hätte ich sowas schon jemals getan.

Ich schaute zu dem Mann auf.

Er hatte ein unendlich liebes Gesicht. In seinem Blick, wie er mich jetzt anschaut, liegt mehr Liebe, als ich in meinem ganzen Leben empfangen oder gegeben habe. Er hat einen runden Kopf wie ein Baby. Ein langer schwarzer Bart fliesst ihm über die weiss betuchte Brust. Er sieht chinesisch aus, nein tibetanisch. Woher kenne ich den?

Die Zeit dehnt sich und zerplatzt mit lautlosem Knall. Ich falle in den klaffenden Spalt, wo alles gleichzeitig statt findet.

 

Seine Augen sind wild. Das sind die Augen eines Tigers im Dschungel. Seine Augen sind blicklos, es sind die Augen eines Toten. Sie sind sanft und voller Mitgefühl, wie die eines Menschen, der selbst ungeheuerliches Leid erfahren hat. es sind die Augen eines neugeborenen Kindes. Er sieht aus, als wäre er zu allem fähig. Eine messerscharfe Intelligenz durchschaut mich. Er sieht milde aus, lieblich, wie ein junges Mädchen, gütig, wie ein alter Heiliger. Er wirkt volltrunken, als schämme er in einem feinstofflichen Wein. Nein, er ist schon längst darin ertrunken ...

In einer Sekunde seines Blickes vereinigt er alle Paradoxe.

Das sind die Augen, die ich gesucht habe.

"So you have come?" (Übersetzung: "Also, bist du gekommen?") Er strahlte mich spitzbübisch an, als wüsste er Bescheid.

Reden kann er! In dem Zustand! Ich fasse es nicht.

Er macht einige seltsame Handbewegungen. Die Finger gleiten von einer Stellung in die andere, als tanzten sie auf seinem weisen Schoß. "Ist er nervös" denke ich. "Nein, das kann nicht sein. Er sitzt doch völlig gelassen in seinem Sessel."

Sein Blick durchleuchtet mich bis in den letzten Winkel meiner Verwirrung, Und nun weis ich, dass er weis, was ich eben gedacht habe. Er kennt alle meine Gedanken und Gefühle, alles was ich war, bin und sein werde, von Anbeginn bis zum Ende. Mein Herz setzt aus. Ich bin vollkommen durchschaut. Etwas in mir zerspringt.

Er ergreift meine Hand und hält sie. Seine Hand ist wie ein Lindenblatt auf einer Wunde, die ich längst nicht mehr bemerkt hatte, weil sie mich immer, überall hin begleitete. "Was machen deine Meditationen?" fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen. "Kommst du voran?" Ich habe keine Ahnung, was Meditation ist; jedenfalls jetzt nicht mehr und sage ihm das.

Er strahlt auf, als hätte ich etwas ungewöhnlich Brillantes von mir gegeben.

Ich verstehe das nicht und schaue kurz zu Chaitanya herüber. Dem laufen Freudentränen über das Gesicht. Bhagwan hält seine Hand in der Linken meine in der Rechten.

Er sagt Dinge, die ich nicht hören kann. Meine Ohren sind taub. Unvermittelt schafft er sich eine schmale Bahn durch das Dickicht meiner Gefühle. Ich fühle alles gleichzeitig.

"Soll ich dich jetzt gleich einweihen?"

Ich habe keine Ahnung, was Einweihung ist. Bilder von Kuklux Klan - Spitztüten tauchen auf. Ich liege in einem weissen Taufkleid auf einem Marmorpodest und die Spitztüten tanzen säbelschwingend um mich herum. Bald wird dann Blut fliessen. O Gott, nun habe ich schon wieder sowas Blödes gedacht, und er weis doch, was ich denke, er kennt jede Regung.

Ich blicke an seiner Schulter entlang zum Fenster hinaus, wo ein blühender Bougainvillea Strauch seine Blüten dem Wind überlässt. Nur einen Bruchteil einer Sekunde schaue ich zum Fenster hinaus, dann sagt eine tiefe Stimme, die aus meinem Bauch kommt: "Ja."

Bhagwan gluckst in sich hinein und dreht sich kurz zu Chaitanya um, der auch lacht und mich überrascht anschaut. Es hatte wohl etwas merkwürdig geklungen.

Er drückte auf einen Knopf am Haustelefon, das auf einem niedrigen Tischchen neben seinem Sessel steht, legt die Hände wieder ganz sacht aneinander, schaut mich voll maßloser Liebe an und wendet dann seinen Blick Chaitanya zu.

Es ist, als würde er einen warmen Sonnenregen von mir nehmen, wenn er sich abwendet. Ich bin schon süchtig danach, einmal genügt. Ein Blick wie dieser genügt, und ich bin süchtig.

Während er mit Chaitanya spricht, kommt die Inderin Lakshmi herein und reicht ihm eine Holzperlenkette und einen weissen Briefbogen.

Er hängt seine Augen förmlich in Chaitanya hinein. "Dein Name ist Chaitanya Hari? Hm? Den hat du von Krishna Das in München bekommen?" Sein Blick ist fleischgewordene Aufmerksamkeit. Chaitanya nickt. Anscheinend hat er ihm die Geschichte seiner Einweihung erzählt, während ich noch draußen saß. Bhagwans Hände gleiten über die Kette auf seinem Schoß, dann schaut er mich wieder an. Der warme Sonnenregen. Er lächelt. Plötzlich lächelt alles, die Wände, die Bäume, das Fenster, der Tisch. Alles lächelt.

"Also dann heisst du Hari Chetana. Hm? Genau umgekehrt. Hari heisst Gott und Chetana heisst Bewusstsein. Gottesbewusstsein."

Er malt etwas auf das Stück Papier, eine Reihe von indischen Buchstaben, deren langsame Entstehung ich verfolge, während ich, halb an seine Knie gelehnt, über seinen Schoß luge.

Der Friede, der von ihm ausgeht, während er so sitzt und Buchstaben malt, strömt mir in jede Pore. Ich atme diesen kühlen Frieden ein.

Er legt mir die Kette um den Hals und die Hand auf den Kopf. Seine Hand enthält Segen: Sie schüttet seinen Frieden über mich aus. Ich schmiege meinen Kopf in diese Hand, und weis, dass ich ihn gefunden habe. Den, den ich suchte. Das sind die Hände, das sind die Augen, das ist er!

Aber mein Herz ist zu klein, um das Gefühl zu fassen. Ich möchte sterben. Sehe mich für einen Moment an irgendeinem Fenster stehen und verzweifelt in die Dunkelheit starrend, in dieser unerträglichen, ungeheuerlichen Sehnsucht im Herzen, die mir die Seele verklemmt - die mich Menschen wie ihn ahnen lässt, aber nicht wissen.

Wie viele Leben schon?

"Start wearing orange" (Übersetzung: "Beginne orange zu tragen") sagt Bhagwan zu mir.

Na klar, habe die Tüten mit der Farbe schon dabei. Sofort! Nichts lieber als das. Orange gekleidet sterben ... Aber er spricht vom Leben. Ich solle nicht viel reden oder denken, sondern einfach nur herumtanzen und lachen, laut singen.

Chaitanya erklärt ihm, wir hätten eigentlich vor, bald nach Goa zu fahren, ans Meer, dort kenne er einen interessanten Mann von früher.

"Gut" sagt Bhagwan.

Mir kommt es plötzlich wie reine Idiotie vor, ans Meer zu fahren, wenn hier schon das Meer ist. Mehr Meer als man jemals zu hoffen wagte. Träume ich, oder ist er wirklich da, er, den ich gesucht habe?

Ich blinzle ihn aus kochend heissen Augen an. Er ist wirklich da und sagt: "Jeden Morgen, noch bevor du richtig wach bist, fängst du gleich laut an zu lachen. Das kommt am Anfang ein bisschen verquert heraus, aber dann hört es sich so komisch an, dass du wirklich lachen musst. Hm? Fünf Minuten lang, das verändert den ganzen Tag.

Und wenn ihr euch liebt, er schaut wieder zu Chaitanya, dann atmet zusammen im gleichen Rhythmus, ganz ruhig, ganzleise, das ihr ineinander verschmelzt. Wenn die Erektion durch die Entspannung nachlässt, könnt ihr euch ein bisschen bewegen, aber gerade nur soviel, dass der Kontakt erhalten bleibt. Dann entspannt euch wieder, entspannt euch, dass nichts mehr von euch übrig bleibt. Ihr werdet sehen, dass diese Art von Liebesakt viel befriedigender ist, als das was ihr bis jetzt gemacht habt. Man wird vollkommen erfüllt, und kann drei, vier Stunden lang im Zustand des Orgasmus bleiben. Am Ende sogar neuen Stunden oder mehr. Wenn man das erleben kann, wird man erfüllt vom -göttlichen Bewusstsein-. Und macht die Meditation morgenfrüh in der Gruppe mit hm? Lasst euch von Lakshmi erklären wie es geht.

Möchtest du etwas sagen?" fragte er mich. Eine Locke seines langen Haupthaares hat sich um seine Schulter gekringelt und mit seinem Bart vermischt.

Ich liebe dich. Aber ich sage es nicht, denn es wäre zu profan. Er weis ja, was ich denke und fühle. Er weis, was ich selbst längst vergessen habe.

 

Unmerklich lehnt er sich im Sessel zurück und lässt unsere Hände los. Wir wissen, dass wir nun gehen müssen. Blos wie? Wie komme ich hier heraus ohne ihm den Rücken zuzukehren, denn das bringe ich nicht fertig - es wäre ein Bruch in unserer Kommunion.

Ich entferne mich rückwärts zur Tür hin - ich will ja garnicht gehen - und präge mir sein Gesicht für immer ins Gedächtnis, falls ich ihn wieder ein paar tausend Jahre aus den Augen verlieren sollte.

Chaitanya geht ebenfalls rückwärts, öffnet aber die Tür ohne viel herumgetaste. Bhagwan lacht und macht eine Handbewegung wie: "Ja, ja, nun aber auch hinaus mit euch und regt euch nicht weiter auf."

Ich schliesse die Tür hinter mir und breche augenblicklich in einen gewaltsamen Schwall von Tränen aus. Es schüttelt mich und schluchzt und reißt. Ich kann nichts dagegen machen, sinke vor dem Schreibpult der Inderin auf eine Bank und winde mich, während Tränenströme aus den Augen stürzen.

Mir ist das furchtbar peinlich, und ich versuche mit aller Macht, mich zusammen zu nehmen, aber dadurch wird der Schmerz nur noch größer. Chaitanya weint ebenfalls, das ist beruhigend. Er streichelt mich, wir fallen uns als zwei weinende Häufchen in die Arme und schluchzen laut.

"It happens all the time" (Übersetzung: "Das passiert andauernd") sagt die Inderin vergnügt. "Er", sie deutet mit der flachen Hand anklagend in Richtung auf Bhagwans Zimmer "Er bringt sie reihenweise um den Verstand."

Wir schniefen, ziehen die Nasen hoch, lachen über Lakshmis Gelassenheit, nehmen eine Rolle Klosettpapier in Empfang, an der wir uns ausschnauben können und verstehen nicht, was mit uns los ist. Ist ja nun auch egal.


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