Försters Christel und ihre Tiere…
(Beitrag von Helmut)

…hieß das Kinderbuch, das ich als kleiner Steppke so gerne gelesen hatte. Eine schöne, fast heile Welt in das sich mein Kinderherz so gerne entführen ließ.
Heute in Ungarn denke ich öfter wieder mal daran.

Wir wohnen hier praktisch mitten im Wald. Nur schräg gegenüber befindet sich das Grundstück unseres Nachbarn. Nach allen anderen Richtungen stehen Bäume… unser Haus und der Garten sind wohl so eine Art Lichtung für die Tiere. Ganz besonders seit wir begonnen haben, das kahle Maisfeld unseres Vorgängers wieder in eine natürliche Permakulturlandschaft umzugestalten, mit Hügeln, Gräben und Büschen, fühlen sich die Wildtiere sichtlich wohl.

Da wir die Maisstummel im Herbst nicht unterackern ließen, konnten so genannte „Erstbesiedler“, wie Vogelmiere, Ackersalat und viele andere Wildpflanzen gedeihen, die wir kräftig für unsere Grünen Smoothies verwenden. Der Mais, der der Erntemaschine entgangen ist blieb liegen. Dadurch ist unser Land im Winter eine Fundgrube für die Tiere. Jede Nacht besuchen uns Rehe, Hasen und Wildschweine und kommen bis auf ungefähr 15 Meter ans Haus.
Die Wildschweine buddeln auch das letzte Maiskorn aus und lockern so den Boden auf natürliche Art auf. Mäuse und andere kleine Kreaturen leben in unseren Holzwällen. Sie sind sehr zutraulich und sammeln zwei, drei Meter neben mir ihre Maiskörnchen zusammen.

Tagsüber beherrscht eine Gruppe Eicherhäher die Szene.





 

Unser Haus liegt wohl in der Mitte ihres Reviers. Die prächtigen, exotisch wirkenden Rabenvögel leben in Familienverbänden. Sie leben wie es mir scheint in ständiger Glückseeligkeit, denn selbst wenn es dick verschneit ist, schlagen sie noch Purzelbäume in den Zweigen. Manchmal spüre ich, wie sie mich beim Arbeiten beobachten und kaum denke ich daran, höre ich auch schon ihre manchmal sehr zärtlich wirkenden, glucksenden Laute. Sie können auch miauen, zum verwechseln ähnlich mit einer Katze und wenn unsere 6 Clowns mal so richtig nach Eichelhäherart losrätschen, dann ist hier ein Heidenlärm.

Sie liegen in ständigem Klinsch mit einer Misteldrossel. Die ernährt sich im Winter praktisch ausschließlich von Misteln, welche sie eifersüchtig verteidigt.





 

Sie ist die größte europäische Drossel und ein stattlicher Vogel. Trotzdem sind Eicherhäher größer. Was der Drossel an Größe fehlt, gleicht sie durch ihre Wildheit aus und wenn es um Süße Mistelbeeren geht, wird sie todernst. Ich habe die Beeren auch probiert; sie sind süß und lecker, schleimen aber am Gaumen. So muss sich wohl ein Huhn fühlen, das gerade versucht eine Nacktschnecke zu verschlucken. Weder Wasser noch Essen halfen gegen den Schleim.

Ein größeres Problem für die Misteldrossel sind unsere Wintergäste. Hunderte Skandinavischer Seidenschwänze, die ebenfalls auf Mistelbeeren stehen. Die Drossel ist den ganzen Tag schimpfend damit beschäftigt der Überzahl Herr zu werden und sie aus ihren „Mistelbäumen“ zu vertreiben.

Die starengroßen Seidenschwänze wurden über die Winterwochen sehr zutraulich.





 

Sie ließen sich irgendwann nicht mehr stören, als ich mit der Schubkarre am Nussbaum vorbeifuhr, auf dem sie saßen. Einmal bei starkem Schneetreiben kamen sie bis ans Haus und aßen die letzen Hagebutten von unserem großen Strauch vor der Terrasse. Wir standen zwei Meter entfernt, direkt hinter der Glastür und sie konnten uns genauso sehen, wie wir sie.
Überhaupt haben wir das Gefühl, dass eine freundliche Kommunikation und gegenseitiges Interesse zwischen den Wildtieren, besonders den Vögeln, und uns da ist.

Ein paar Tage später, so um den 18. März, haben sie uns dann verlassen, vermutlich um langsam in ihre nordische Heimat zurückzukehren. Wir waren ein bisschen traurig, denn wir hatten die bunten Kerlchen mit den lustigen Häubchen lieb gewonnen. Die Misteldrossel war allerdings sichtlich entspannter…

Fast unbeschreiblich prachtvoll wirken die Fasane in der manchmal braunen, manchmal weißen Winterlandschaft. Der große Revierhahn ist immer noch etwas scheu, gewöhnt sich jedoch langsam an uns. Jetzt sitzt er auch schon mal auf dem Holzwall vorm Fenster.




 

Neulich hat er sich mit einem anderen Kerl hinter unserem Geländewagen rumgeprügelt. Ich wollte das Marion zeigen. Als wir näher hingegangen sind, waren sie sich einig, dass man uns nicht trauen könne und sind zusammen weggelaufen. Sie haben sich dann ein Stück weiter hinten im Wald fertig gehauen.

Heute beobachten wir immer wieder ein Rotkehlchen am Boden vor dem Fenster.





 

Hin und wieder bringt das graurote Federbällchen auch die Gattin mit. Man glaubt überhaupt nicht, dass die Zwerge im Schneesturm fliegen können, was aber wunderbar und scheinbar ohne Anstrengung erledigt wird. Wenn die noch winzigeren Zaunkönige zwischen unseren Holzhaufen hin- und herschwirren, wirken sie auf den ersten Blick wie vom Wind aufgewirbeltes Laub…

Sperlinge, Kohl-, Wald-, Tannen- und Schwanzmeisen, Kernbeißer und Stare sorgen für ein buntes Treiben im Garten. Auch die beide Rotschwänzchen (Haus- und Garten- )sind seit ein paar Tagen wieder da. Unser Käuzchen (Steinkauz) ruft auch schon wieder. Wenn ich spät am Abend, wenn es schon dunkel ist, draußen bin, streichen lautlos Waldkauz und Schleiereule, letztere mit gespenstischem Ruf an mir vorüber. Für mich ist es jedes Mal ein besonderes Erlebnis, diese großen Vögel zu sehen, die durch ihren unhörbaren Flug so gespenstisch wirken.




Ach, was ich noch erwähnen muss: Die Gemeinde war so freundlich den Feldweg der bei

uns vorbeiführt (in Ungarn sind das Straßen), mit einer großen Straßenlampe direkt vorm Haus auszustatten. Toll für nächtliches durch den Garten Streichen und Tierbeobachtungen!

Jetzt im März sind die Kolkraben mit ihren letzten Paarungsflügen beschäftigt. Sie sind ständig gegenwärtig. Wundervoll, wenn man bedenkt, dass sie in meiner Kindheit und Jugendzeit in den 70er und 80er Jahren in Deutschland praktisch ausgerottet waren. Erst Ende des Jahrtausends sind die wundervollen, bussardgroßen und vor allem hochintelligenten Vögel langsam überall wieder aufgetaucht.

Ja, ich glaube wir haben die dunkelste Zeit für die einheimischen Tiere bereits lange überschritten. Die Verfolgung lässt nach. Wir Menschen wachsen mehr und mehr über unsere archaischen Instinkte hinaus, werden intelligenter, werden bewusster.

Die Welt ist im Wandel.

Wir mögen alle Rabenvögel sehr. Jede ihrer Bewegungen zeugt von Intelligenz und Verständnis. Besonders die Saatkrähen, mit ihren nackten, weißen Schnabelansätzen, haben es uns angetan.

 

 

Der bisherige Höhepunkt im noch kurzen “Vogeljahr“ war ein - - - Seeadler, direkt hinterm Haus auf einem Baum. Wir saßen gerade in unserer Wohn- und Lebensküche bei Tee und Kaffee mit frisch hergestellter Reismilch mit Cashewsahnehäubchen, als wir durch den lauten Ruf aufgeschreckt wurden. Er klang unecht, denn damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.
Mein erster Blick galt dem Laptop, denn wir haben zwar keine Glotze, aber schauen uns gelegentlich Tierfilme von youTube an. Der Laptop war aus. Ratterratterratter, hörte ich es noch ganz deutlich im Kopf und dann kam die Meldung: „Der Adler ist echt und sitzt hinterm Haus!“ Also raus und rum ums Haus. Ich glaube nicht, dass ich ihn erschreckt habe, aber er war schon im Begriff zu gehen. Wenig später hörte ich ihn von der gegenüberliegenden Seite des Tales rufen.
Ich hatte ihn im Herbst einige Male übers Haus streichen sehen und auch im Sommer kreisten einmal sechs Adler über dem Tal. Aber das war schon stark… Wahaaansinn… ein Seeadler (fast) im Garten.
Der einheimische, Eurasische Seeadler ist für mich der prächtigste Greif. Mit seinem Federkleid, jede Feder die andere in einem anderen Braunton überlappend, erinnert er an einen mittelalterlichen Ritter, was die mächtige Erscheinung und der mystische, freie Blick noch übertreffen.





 

Seit einiger Zeit streicht nachts auch ein Dieb durch unsere Hügelbeete.

Neulich morgens war ein Beet an mehreren Stellen aufgerissen. Da muss ich wohl einen weiteren Holzzaun bauen, wenn die Wildschweine bis an die großen Beete ums Haus herankommen. Aber schon Tags darauf hat der grauweißschwarze Dieb mit der Panzerknackermaske deutlich Fußspuren im leeren Bachbett, das ich als Überlauf vom einen Regentümpel in den nächst tiefere gelegenen gegraben habe, hinterlassen.
Ein großer Dachs.
 



 


Gesehen hab ich ihn noch nicht, aber jedenfalls reißt er alle paar Tage mal Löcher in die Hügel (sind leckere Würmer drin, die im verrottenden Holz, Heu und Küchenabfällen prächtig gedeihen) und ich schmeiss’ sie wieder zu. Na ja, wenn unser Land im Sommer mit jungen Bäumen bewachsen ist, werde ich da auch Holzstämme und Altholz hinbringen, alles schön natürlich gestalten. Da ist er ungestört und ich hoffe mal es gefällt ihm da besser.

Wir hatten zwar ein paar schöne, sonnigwarme Wochen im März, aber immer wieder kam der Winter für einige Tage zurück. Ich denke mal, dass dies heuer der letzte Wintereinbruch ist.
Dann wird es wohl sehr schnell sehr warm in Ungarn und die Pirole kehren wieder zurück.
Als wir letztes Jahr Ende Juli ankamen, hat uns jeden Morgen ein Männchen mit seinem klaren, melodischen, weithin hörbarem Lied geweckt. Ein Paar mit bereits erwachsenem Nachwuchs. Ich vermute weil es im August extrem trocken war, sind sie schon bald darauf weggezogen.



 

 


Zu dieser Zeit war die Tageshitze unerträglich, so dass man sich nur in den ersten Morgenstunden und am späten Abend draußen aufhalten konnte. Wir sind als es schon dunkel war oft stundenlang still an der Feuerstelle gesessen und haben die nächtlichen Aktivitäten der Siebenschläfer, die in unserem kleinen, ehemaligen Kuhstall im Heu wohnen, belauscht. Die besten Kletterer sind sie wohl nicht, denn man konnte deutlich hören, wie sie immer mal wieder mit viel Lärm von einem Ast gerutscht sind. Die Scheune ist nicht höher als zweieinhalb Meter und ein Schwalbenpaar hatte früher mal ein Nest an einen Balken geklebt. Da hat sich tagsüber ein Siebenschläfer drin zusammengerollt. Wenn wir ihn angesprochen haben, hat er uns ohne sich zu bewegen und schlaftrunken angeschaut. Gerade mal einen halben Meter über mir, hätte ich ihn mit der Hand erreichen können.


Ich glaube das alles kann jeder sehen, erleben, der selber nicht mehr von einer lauten, aggressiven Energie erfasst ist.

Ich liebe Tiere sehr und habe ihnen die ersten vierzig Jahre meines Lebens meine Gesellschaft aufgezwungen, indem ich sie als Haustiere gehalten habe. So schön es war, war es immer auch mit sehr viel Leid verbunden. Es ist eine Freude zu sehen, dass man von so vielen wundervollen Wesen umgeben ist, die trotzdem ihr eigenes, freies Leben leben, das nicht zwanghaft mit meinem Leben verknüpft ist. Auch mein Leben ist seitdem sehr viel freier geworden. Vielleicht ein andermal mehr davon…

Draußen wird es dunkel und bei uns gibt es jetzt einen Smoothie und danach süße Küchlein aus Kichererbsenmehl mit Rosinen und dazu selbst gemachte Hagenbuttenmarmelade.


Alles Liebe von Helmut
24.03.2013


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