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Es gibt
tausendundein Gift, aber keines wirkt so wie der Idealismus - es ist das
giftigste aller Gifte. Natürlich das allerfeinste. Der Idealismus tötet
dich, aber er tötet dich auf eine solche Weise, dass du es niemals
bemerkst. Er tötet dich mit Stil. Die Methoden des Idealismus sind sehr
gerissen, selten wird sich ein Mensch bewusst, dass er schon seit langem
durch ihn Selbstmord begeht. Aber sobald du es bemerkst, wirst du
religiös.
Religion ist keine Ideologie. Religion glaubt an keine Ideale. Religion
bedeutet, dass du dir bewusst wirst, wie unmöglich der Idealismus ist -
jede Form von Idealismus. Religion heisst, hier und jetzt zu leben, und
der Idealismus hämmert deinem Verstand ständig ein, irgendwo anders zu
leben. Dabei existiert wirklich nur das Jetzt.
Man kann garnicht anders leben als jetzt.
Man kann nur hier sein. Man kann nicht dort sein. Das Morgen existiert
nicht. Es kommt nie, und der Idealismus glaubt an das Morgen. Er opfert
das Heute auf dem Altar des Morgen. Er flüstert dir ständig ins Ohr: "Tu
was! Verbessere dich! Tu was! Verändere dich! Tu was! Werde vollkommen!"
Das hört das Ego gern.
Der
Idealismus gehört zur Welt des Ego. Es spricht das Ego an, dass du noch
perfekter werden kannst, als du schon bist. Ja du solltest sogar noch
perfekter werden, als du schon bist. Aber jeder Augenblick ist schon
vollkommen und kann nicht vollkommener sein als er ist. Dies zu
verstehen ist der Beginn eines neuen Lebens, ist der Beginn des Lebens.
Es nicht zu verstehen, bedeutet Selbstmord. Dann zerstörst du immerzu
diesen Augenblick für den Augenblick, der nie kommt. Dann zerstörst du
immerzu dieses Leben für irgendein Leben, das es nirgendwo gibt. Du
zerstörst immerzu diese Welt für irgendeine Welt - irgendein Paradies,
irgendein moksha, irgendein Nirvana. Die Gegenwart für die Zukunft zu
opfern, heisst, dem Tod in die Falle zugehen. Den Augenblick zu leben,
ihn total und frei zu leben, heisst, sich an der Existenz zu erfreuen,
heisst, sie zu feiern. Und das ist die einzige Möglichkeit, da zu sein.
Es gibt keine andere Möglichkeit. Der Idealismus hat euch auf die
falsche Spur gesetzt.
Versteht als allererstes: Ihr seid vollkommen. Wenn jemand zu dir sagt,
dass du vollkommen werden musst, ist er dein Feind - hüte dich vor ihm.
Fliehe vor ihm, so schnell wie möglich. Laß ihn nicht dein Dasein
vergiften. Laß ihn dich nicht zerstören. Er mag von anderen zerstört
worden sein, jetzt tut er dir das gleiche an. Er selbst mag ein Opfer
sein. Hab Mitleid mit ihm, aber laß nicht zu, dass er dich zerstört. Er
hat sein Leben nicht gelebt. Er hat nur gehofft. Er hat nicht gelebt. Er
hat nur geträumt, er hat nicht gelebt. Er hat immerzu nur vorbereitet,
geplant, er hat nicht gelebt.
Der idealistische Geist bereitet sich ständig auf etwas vor, das nie
geschieht, er ist ein Alptraum. Er bereitet sich vor und bereitet sich
vor - unendliche Vorbereitungen auf eine Reise, die nie beginnt. Er
plant und plant auf tausendundeine Weise - subtil, klug, gerissen - aber
die ganze Sache ist zwecklos, weil er jeden Augenblick das Leben
leugnet.
Das Leben klopft jeden Augenblick an deine Tür, und du leugnest es, weil
du sagst, dass du dich darauf vorbereitest. Du sagst: "Wie kann ich den
Gast im Augenblick schon empfangen? Ich bin nicht fertig!" Nach und nach
gewöhnst du dich so ans vorbereiten, dass Vorbereitung zu deinem Leben
wird. Du hast es verfehlt.
Diese Mentalität geht ständig an allem vorbei, und je mehr man das tut,
desto mehr plant man verzweifelt, irgendwo hinzugehen, irgendwo
anzukommen, irgendetwas zu erreichen, irgendjemand zu sein, und -
Unglück über Unglück - es wird nie geschehen.
Das Leben hat dir immer schon offen gestanden. Du brauchst dich nicht
darauf vorzubereiten. Du bist bereits berechtigt, es zu genießen.
Einfach indem du lebendig bist, bist du schon fertig. Weil du atmest
bist du bereits fähig. Weil du bewusst sein kannst, bist du bereits
fertig. Nichts fehlt.
Wenn du den ersten Schritt in die falsche Richtung tust, läuft die ganze
Reise falsch. Der erste Schritt begrenzt und bestimmt dein ganzes Leben.
Versuche nie, vollkommen zu sein, sonst wirst du in eine tote Routine
verstrickt sein - ständig und immer in Vorbereitung. Du kannst dich
selbst beobachten, du kannst andere beobachten. Leute, die süchtig nach
Idealismus sind, leben ein Leben des Rituals, der leeren Gesten. Sie
sind immer in Wartehaltung: irgendetwas Großes wird bald geschehen.
Natürlich passiert es nie, weil es auf diese Weise nicht geschehen kann.
Es passiert immer jetzt in diesem Augenblick, hier, und ihre Augen sind
auf irgendein Dort gerichtet, weit entfernt. Es passiert ganz nahebei.
Es passiert bereits nahe an deinem Herzen. Wenn dein Herz schlägt,
geschieht es bereits. Und sie schauen auf zum Himmel.
Und so führen sie ein Leben der Routine, der toten Routine. Sie bewegen
sich wie Leichen - warten und warten und warten. Und jeden Tag wissen
sie, dass der Tod näher kommt. Sie werden immer verzweifelter. Ihr
ganzes Leben wird sich in mechanische Routine verwandeln.
Wenn du wirklich leben willst, musst du spontan sein. Das Leben ist
spontan. Sei offen für diesen Augenblick. Erlaube diesem Augenblick,
dich zu führen. Plane ihn nicht.
Sonst wirst du in leeren Gesten leben, besessen von einer toten Routine,
immer in dem Gedanken, dass wenn ... wenn du dein Leben bis ins
letzte geplant hast, sich einen schönen Tages das große Ereignis
einstellen wird.
Glaubst du, das Leben sei ein Ergebnis? Das Leben ist kein Ergebnis, es
ist bereits da. Es ist eine Gnade. Nichts braucht getan zu werden, um
sie zu erlangen. Was hast du getan, um geboren zu werden? Was hast du
getan, um atmen zu können? Was hast du getan um bewusst sein zu können?
Was hast du getan um dich verlieben zu können? Es ist von selbst
geschehen, es ist eine reine Gnade ein Geschenk.
Ja, ich kann es euch versichern - das Leben ist ein Geschenk. Glaubt
nicht, dass es ein Ergebnis sein wird. Sobald ihr denkt, dass es ein
Ergebnis sein wird, wird es überhaupt nie existent.
Da gibt es ein paar Leute, die einfach immer weiter und weiter warten;
und dann sterben sie. Fast 99% aller Menschen sterben auf diese Weise.
Ihr ganzes Leben ist eine reine Vergeudung gewesen. 1% der Menschen wird
sich manchmal durch Zufall, ganz beiläufig bewusst, dass sie ihr Leben
vergeuden. Dann nimmt ihre ganze Konditionierung, ihre ganze
Ausrichtung, eine subtile Rache. Von dem Tag, an dem ihnen klar wird,
dass sie auf etwas gewartet haben, was sie garnicht erwartet, was
garnicht passieren wird, fangen sie an zu sagen, dass das Leben sinnlos
ist. Erst haben sie auf irgendeinen Sinn gewartet; jetzt, da dieser Sinn
nicht eintrifft, sagen sie, das Leben ist sinnlos. Erst warteten sie auf
irgendeinen Zweck, jetzt, weil er nicht eintritt, sagen sie, das Leben
sei zwecklos.
Ihr könnt Jean-Paul Sartre fragen. Er sagt: "Der Mensch ist eine
sinnlose Leidenschaft." Damit sagt er nichts über den Menschen. Damit
ist nichts über den Menschen ausgesagt, damit ist nichts über das Leben
ausgesagt, damit ist nichts über die Existenz ausgesagt. Damit ist
lediglich gesagt, dass Sartre am Leben vorbei gelebt hat. Damit ist
lediglich gesagt, dass er auf irgendein nutzbringendes Ziel gewartet
hat, das sich im Leben erfüllen soll, und jetzt ist ihm klar geworden,
dass es nicht erfüllt werden wird. Er hatte auf irgendeinen Sinn
gewartet. Jetzt, wo er erkennt, dass dieser Sinn nicht eintreten wird,
da sagt er: "Das Leben ist sinnlos."
Das Leben ist weder noch, es ist weder sinnvoll noch sinnlos. Wenn es in
Wirklichkeit gar keinen Sinn gibt, wie kann das Leben dann sinnlos sein?
Wenn es keinen Zweck gibt, wie kann das Leben zwecklos sein? Damit das
Leben zwecklos sein kann, muss es einen Zweck geben. Damit das Leben
sinnlos sein kann, damit auch nur das Wort sinnlos sinnvoll sein kann,
muss es einen Sinn geben. Das Leben ist weder noch. es ist einfach da in
seiner reinen Schönheit, ohne Zweck. Schaut auf die Bäume, schaut auf
das Sonnenlicht .... ganz einfach, es ist. Was ist der Zweck, wenn die
Sonne jeden Tag am Morgen aufgeht? Was ist der Zweck, wenn Bäume blühen?
Was ist der Zweck, wenn Vögel singen? Kein Zweck! Ich sage nicht
Zwecklosigkeit, ich sage einfach nur, kein Zweck, es ist.
Laßt eure Suche nach Sinn fallen. Denn entweder wird diese Suche euer
ganzes Leben zerstören und euch ins Unglück stürzen oder es wird euch
eines Tages, wenn ihr aufwacht, ein anderer Schmerz überwältigen - Der
Schmerz der Sinnlosigkeit.
Wie Sartre sagte: "Das Leben ist ekelerregend."
Er muss sich viel versprochen haben. Jetzt zieht sich die Erfüllung
immer weiter zurück, und er spürt ein Grollen im Magen, eine Übelkeit,
eine Krankheit, eine Seekrankheit. Er hatte zuviel erwartet. Jetzt
verkehren sich alle Erwartungen in Enttäuschungen um. Und das Leben ist
ekelerregend geworden.
Dass ist es nicht. Das Leben hat nichts mit Ekel zu tun, weil es nicht
mit euren Erwartungen zu tun hat. Sobald du aus dieser Falle des
Idealismus herauskommst, bist du offen für das Leben und das Leben ist
offen für dich.
Irgendwo hat Friedrich Nietzsche gesagt: "Wo kann ich mich zuhause
fühlen? Wo?" Er muss nach einem Mutterschoß gesucht haben, nach einem
Heim, nach einer Mutter. Er muss einwenig kindisch gewesen sein. Er muss
irgendwo in seinem Wachstum stecken geblieben sein. Warum sucht ihr nach
einem zuhause?
Das Leben ist kein Zuhause, aber es ist auch keine Heimatlosigkeit, es
ist. Es ist ganz einfach. Genieße es. Feiere es. Es wird nie eine
Heimat für dich sein, aber es ist auch keine Heimatlosigkeit. Nur wenn
man nach einem Heim sucht, erweckt das Leben den Eindruck,
Heimatlosigkeit zu sein. Gib deine Suche auf.
Gerade diese Suche wirft dich weitab vom Leben, und du wirst immer
wieder den gegenwärtigen Augenblick verpassen. Du kannst also entweder
warten - ein fruchtloses warten; oder du kannst wütend werden - eine
fruchtlose Wut. Wenn du immerzu wartest, wird das Leben von einer
Routine beherrscht. Dann wirst du ein Automat.
Ich will euch eine Anekdote erzählen: Herr Schmidt hatte seine Frau
umgebracht, und seine gesamte Verteidigung beruhte auf dem Argument, er
hätte es in einem Anfall von geistiger Umnachtung getan. Er sprach als
ein eigener Zeuge und wurde von seinem Anwalt aufgefordert, den Hergang
des Verbrechens in seinen eigenen Worten zu schildern.
"Euer Ehren", begann er, "ich bin ein ruhiger und friedlicher Mann, mit
sehr geregelten Lebensgewohnheiten, der praktisch keinen anderen
Menschen stört. Ich stehe morgens um sieben Uhr auf, frühstücke um halb
acht, bin pünktlich um neue Uhr bei der Arbeit, verlasse meinen
Arbeitsplatz um fünf Uhr, komme um sechs Uhr nach hause, finde mein
Abendessen auf dem Tisch, esse es, lese, sehe fern, und dann ins Bett.
Bis auf den bewussten Tag .... "
Hier hielt er inne und keuchte vor Erregung.
Sein Anwalt sagte sanft: "Sprechen sie weiter. Was geschah an jenem
Tag!"
"An jenem Tag", sagte Schmidt "Wachte ich um sieben Uhr auf, frühstückte
um halb acht, fing um neun Uhr an zu arbeiten, verließ meinen
Arbeitsplatz um fünf und kam um sechs Uhr nach hause. es war kein
Abendbrot auf dem Tisch und meine Frau war nirgends zu sehen. Ich suchte
im ganzen Haus und fand sie schließlich im Schlafzimmer mit einem
fremden Mann im Bett. Da habe ich sie umgebracht."
"Was waren ihre Gefühle, als sie sie umbrachten!" fragte der Anwalt,
damit dieser Punkt auch ja zu Protokoll kam. "Ich war in Weißglut" sagte
der Angeklagte, "Ich schäumte vor Wut, ich konnte einfach nicht an mich
halten, war außer Kontrolle geraten." Er wandte sich den Geschworenen zu
und schrie, indem er auf die Lehne des Zeugenstuhls hämmerte: "Meine
Damen und Herren, wenn ich um sechs Uhr nach hause komme, hat das Essen
auf dem Tisch zu stehen!"
Das also war der Grund, warum er seine Frau getötet hatte. Nicht etwa,
weil sie mit einem fremden im Bett war. "Das Essen hat genau um sechs
Uhr auf dem Tisch zustehen" Seid ihr euch bewusst, dass auch ihr mehr
oder weniger von einer leblosen Routine beherrscht seid? Warum sind
Leute so versessen auf eine leblose Routine? Sie sind deshalb so
versessen auf eine leblose Routine, weil sie, wenn die Kette ihrer
Routine plötzlich gebrochen würde, darunter ein fruchtloses, ein
nutzloses, ein sinnloses Leben sehen würden. Irgendwie versuchen sie,
ihm ein Gefühl von Sinn zu verleihen, einen Geschmack von Sinn.
Irgendwie versuchen sie zu vergessen, dass sie nutzlos leben, dass sie
überhaupt nicht leben.
Sie stellen eine leblose Routine her, und die befolgen sie. Einfach
indem sie sie wie eine Maschine befolgen, gewinnen sie den Eindruck,
dass alles völlig in Ordnung ist. Sie stehen genau zur richtigen Zeit
auf, sie gehen ins Büro, sie kommen nach hause, sie lesen die Zeitung,
sie sehen fern, sie machen sich essen, sie gehen schlafen - alles läuft,
wie es laufen sollte. Eine leblose Routine verleiht das Gefühl, dass
alles völlig in Ordnung ist. Unten drunter ist alles im Chaos, sie gehen
am Leben vorbei.
Idealismus heisst für mich für irgendein Ideal zu leben, das in Zukunft
erfüllt werden soll.
Die Zukunft gehört nicht zur Zeit; sie gehört nur den Wünschen.
Gewöhnlich haltet ihr Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft für
Unterteilungen der Zeit. Da irrt ihr. Es sind keine Zeitunterteilungen.
Die Zeit ist nur Gegenwart, immer Gegenwart, niemals etwas anderes. Die
Vergangenheit ist nur im Gedächtnis, nur im Kopf, sie gehört nicht der
Zeit an; sie gehört der Vorstellungswelt an, und die Zukunft gehört
ebenfalls der Vorstellungswelt an, den Wünschen. Vergangenheit ist
Erinnerung; Die Zukunft ist Wünschen. Und zwischen diesen beiden der
sehr kleine Moment, der mikroskopisch kleine Moment der Zeit, der die
Gegenwart ist, der immer gegenwärtig ist. Die Zeit kommt immer als
jetzt.
Wenn du das jetzt verfehlst, begehst du Selbstmord. Mag sein, einen
langsamen - genau darum bemerkst du es nicht. Schiebst du das Leben für
irgend ein Ideal auf, dann wird dein Leben zu einer leblosen Routine,
fruchtlos. Du verschwendest lediglich eine große Chance, und das für
schöne Worte.
Der eine möchte gerne vollkommen werden, der andere möchte gerne ein
Weiser werden, wieder ein anderer möchte gerne ein Mahatma werden und
wieder einer möchte gerne etwas anderes werden.
Sei - und vergiß alles werden. Das Werden ist der Alptraum. Entspanne
dich. Du bist vollkommen. Das Leben ist so, wie es ist. Jeden
Augenblick, so wie es ist, vollkommen.
-Osho-
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