|
Geliebter Osho,
bisher
habe ich noch nicht viele sexuelle Erfahrungen gehabt, aber in letzter
Zeit habe ich Lust bekommen, sexuell aktiver zu werden. Ich scheine
heterosexuellen Männern aus dem Wege zu gehen und auf Homosexuelle zu
stehen. Ich bin mir nicht im klaren, ob ich aus Angst vor dem Sex
davonlaufe oder auf Leute zulaufe, die ich wirklich mag und brauche.
Würdest du bitte ein wenig Licht in diese Sache bringen?
Es ist möglich, dass du, nachdem du dem Sex lange Zeit ausgewichen bist
und dich jetzt wieder dafür zu interessieren anfängst, erst einmal
langsam vorgehen musst.
Von Homosexuellen angezogen zu sein, ist ein Schritt. Am Ende wirst du
von Heterosexuellen angezogen werden. Der Homosexuelle ist die halbe
Strecke. Nichts ist verkehrt daran. Es ist gut, gemächlich zu gehen,
gemächlich zu reifen.
Und es ist auch möglich, dass der Homosexuelle, den du magst, den du
liebst, jemand ist, der deine Liebe verdient - dass er homosexuell ist,
mag zweitrangig sein. Wenn es etwas Zweitrangiges ist, dann kannst du
vielleicht mit diesem Homosexuellen ziemlich lange zusammenbleiben, aber
wenn es nur eine Durchgangsphase ist, dann wäre dir vielleicht der
Übergang von gar keiner Sexualität oder nur sehr wenig Sexualität zu
einem heterosexuellen Mann, wäre dir der direkte Schritt zuviel und
könnte gefährlich sein. Er könnte dich zurückwerfen in dein Vermeiden.
Es ist also völlig in Ordnung, dass du einen Homosexuellen liebst. Wenn
er es wert ist, geliebt zu werden, dann umso besser. Wenn nicht, wird
selbst seine Homosexualität dir enorm helfen, um zum heterosexuellen
Mann zu gelangen.
Dies sind die vier Phasen:
Der auto-sexuelle Mensch vermeidet die Sexualität. Er will seine
Sexualität in sich verschließen. Er ist eine Art Knauser. Und solche
Menschenleiden unter Verstopfung. Das ist heute eine wohlbekannte
psychologische Tatsache, und es gibt keine medizinische Methode, um
ihnen zu helfen, um ihre Verstopfung loszuwerden; denn ihre Verstopfung
hat keine Ursache im Körper, ihre Verstopfung hat ihre Ursache in der
Psyche.
Ihr dürft nicht vergessen, dass sich das Sexualzentrum in der Psyche
befindet, nicht in den Genitalien. Und merkwürdigerweise - dies nebenbei
- liegen Sexualzentrum und Ernährungszentrum sehr dicht beieinander,
sehr, sehr dicht. Darum ißt ein Mensch, der seine Sexualität blockiert,
immer zuviel. Die Energie des Sexualzentrums fängt an, auf das nächste
Zentrum überzufließen, nämlich das der Ernährung. Er wird eßsüchtig. Er
sieht das Essen mit den Augen eines Liebenden.
Die zweite Phase ist Homosexualität. Das ist ein bisschen besser, als
auto-sexuell - also auf sich selbst beschränkt - zu sein; jetzt nimmst
du wenigstens mit deinem eigenen Geschlecht Kontakt auf. Aber es ist
immer noch eine Schranke da - obwohl die Grenzen weiter gesteckt sind,
Mann zu Mann, Frau zu Frau.
Die dritte Phase ist heterosexuell - die sexuelle Reife, wo du deine
Weiblichkeit oder deine Männlichkeit, wo du deine eigene Klasse
transzendierst und zum Gegenpol gehst. Und weil die Spannung zwischen
Gegensätzen groß ist, entfaltet sich die Liebe zu höherer Blüte.
Zwischen zwei Homosexuellen existiert Liebe - aber ihr fehlt die
Spannung. Nicht ohne Grund werden Homosexuelle im Englischen "gay people"
genannt - "lustige Leute"; denn es gibt keine Spannungen, und damit
keinen Streit. Sie lächeln immerzu, sehen immer fröhlich aus. Die
Fröhlichkeit ist flach.
Die Heterosexuellen leben den Konflikt - und die Liebe. Sie lachen tief,
sie weinen tief, sie kämpfen tief, sie fühlen tief füreinander. Alles
ist tief - aufgrund der Spannung. Man nennt sie "Intimfeinde". Die
Intimität ist tief, die Feindschaft ist ebenfalls tief.
Die vierte Phase ist asexuell - dann, wenn du genug hast und alles
kennst, was der Sex zu bieten hat, sein Elend, seinen Genuß, seine
Kämpfe, seine Freundschaft, und allmählich die Routine daran siehst, das
immer gleiche, sich drehende Rad. Um dieser Langeweile abzuhelfen,
diesem sich drehenden, ewig gleichen Rad, magst du die Partner wechseln;
das verleiht dir noch ein wenig Energie für ein paar weitere Tage, aber
danach kehrt die Langeweile zurück.
Sobald dich der Sex absolut langweilt, ist die vierte Stufe danach
asexuell. Zum ersten Mal bist du völlig frei. Die erste Stufe war ganz
auf dich selbst beschränkt. Die zweite Stufe war auf deine eigene
Kategorie beschränkt - Mann zu Mann, Frau zu Frau. Die dritte war
besser, war aber immer noch beschränkt - Mann zu Frau: die gleiche
Spezies.
Die vierte Stufe ist völlig frei von Sex: Du hast ihn kennengelernt, du
hast ihn verstanden. Seine Arbeit ist getan. Er lastet nicht mehr auf
dir, nicht mehr als Begierde, nicht mehr als Spannung. Du fühlst dich
leicht, und zum ersten Mal kannst du es genießen, allein zu sein.
Für mich ist das das wahre Zölibat - ein Zölibat nicht aus
Selbstdisziplin. Nur durch die Erfahrung aller Stufen kommst du zum
wahren Zölibat, und das wahre Zölibat will richtig verstanden sein: Es
ist nicht anti-sexuell, sondern nur a-sexuell. Es enthält keine
Feindschaft, keine Anti-Haltungen. Auf der vierten Stufe kannst du Sex
als Spass haben, als rein biologisches Spiel.
Es ist also nicht so, dass du dann vom Sex ablassen musst; du kannst
natürlich Sex haben. Du kannst ihn entweder lassen oder haben. Aber er
hat die ganze alte Wichtigkeit, die ganze alte Zwangsherrschaft, all die
alten Kämpfe, Eifersüchte verloren - all das ist weg. Wenn er wegfällt,
fällt er weg; wenn er bleibt, dann nur als unverfängliche Freundschaft,
ohne Haken und Ösen, ohne Auflagen.
-Osho-
zurück |