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Du
hast auch einmal gesagt, man soll negative Inhalte des
Verstandes ignorieren und ihnen keine Energie geben. Es fällt
mir schwer, bei diesem Seiltanz dabeizubleiben - sie zu
ignorieren, ohne dabei abzustürzen und sie wieder ins
Unterbewusstsein zu verdrängen. Kannst du mir bitte sagen, wie
ich den Unterschied zwischen diesen beiden Dingen erkenne?
Du kennst ihn schon. Die Unterscheidung ist in deiner Frage
enthalten. Du weißt genau, wann du ignorierst und wann du
verdrängst. Ignorieren bedeutet einfach, es nicht zu beachten.
Es ist etwas da; lass es da sein. Du bist nicht betroffen - so
oder so, ob es da bleibt oder nicht. Du hast kein Urteil. Du
hast einfach akzeptiert, dass es da ist, und es ist nicht deine
Sache, ob es da sein sollte oder nicht.
Bei der Verdrängung spielst du eine aktive Rolle. Du kämpfst mit
der Energie; du drängst sie gewaltsam ins Unterbewusstsein. Du
bemühst dich, sie nirgendwo mehr sehen zu können. Du willst
sicher sein, dass sie nicht mehr da ist.
Zum Beispiel ist Wut da. Setz dich still hin und beobachte sie.
Lass sie dableiben. Wie lange kann sie dableiben? Meinst du, sie
sei etwas Unsterbliches, Ewiges? Genauso, wie sie gekommen
ist, wird sie gehen. Du wartest einfach. Du tust nichts damit -
weder dafür noch dagegen. Wenn du etwas dafür tust, lässt du sie
an jemandem aus; und wenn du sie herauslässt, bekommst du
Schwierigkeiten, weil die andere Person vielleicht nicht jemand
ist, der meditiert - höchstwahrscheinlich nicht. Sie wird auch
reagieren, und zwar mit noch größerer Wut. Nun bist du in einem
Teufelskreis. Du bist wütend, du machst den anderen wütend, und
ihr werdet immer wütender aufeinander.
Früher oder später wird deine Wut zu einem massiven Felsen von
Hass und Gewalt, und während du dich in diesem Teufelskreis
drehst, verlierst du deine Bewusstheit. Vielleicht tust du
etwas, was du später bereuen wirst. Du wirst vielleicht morden,
töten oder es zumindest versuchen. Und wenn die Episode vorbei
ist, wunderst du dich: "Ich hätte nie gedacht, dass ich in der
Lage bin zu töten." Aber du hast die Energie erzeugt, und die
Energie ist zu allem in der Lage. Energie ist neutral. Sie kann
erschaffen; sie kann zerstören. Sie kann dein Haus beleuchten
oder dein Haus in Brand setzen.
Die Wut zu ignorieren bedeutet, dass du gar nichts damit tust.
Die Wut ist da. Du nimmst einfach zur Kenntnis, dass Wut da ist,
ebenso wie du zur Kenntnis nimmst, dass draußen ein Baum steht.
Musst du etwas damit tun? Eine Wolke zieht am Himmel dahin -
musst du etwas damit tun? Wut ist auch wie eine Wolke, die auf
dem Bildschirm deines Geistes vorbeizieht. Also beobachte sie
einfach; lass sie ziehen.
Es geht dabei gar
nicht um einen Seiltanz. Mach Kleinigkeiten nicht zu etwas
Großem. Es ist eine Kleinigkeit, und man kann es ganz einfach
tun: Du musst einfach akzeptieren, dass die Wut da ist. Versuche
nicht, sie zu beseitigen, versuche nicht, sie auszuagieren, und
schäme dich nicht, dass du wütend bist. Auch wenn du dich
schämst, beginnst du schon zu handeln - kannst du nicht einfach
gar nichts tun?
Traurigkeit ist da. Wut ist da. Beobachte sie einfach. Und sei
offen für Überraschungen. Wenn du achtsam sein kannst und deine
Achtsamkeit arglos und rein ist, wenn du wirklich gar nichts
tust, sondern nur schaust, dann wird die Wut langsam
vorüberziehen. Die Traurigkeit wird verschwinden, und du bleibst
mit einem reinem Bewusstsein zurück. Vorher war es nicht so
rein, da die Möglichkeit der Wut da war. Nun ist die Möglichkeit
wirklich geworden, und mit der Wut ist die Möglichkeit
auch verschwunden. Du bist gereinigt. Vorher warst du nicht so
still und fríedlich; nun bist du es. Die Traurigkeit hatte etwas
von deiner Energie in Anspruch genommen. Sie hätte dein tiefes
Glücksgefühl nicht zugelassen; sie hätte dein Bewusstsein
verschleiert.
Traurigkeit, Wut und alle anderen negativen Emotionen fressen
deine Energie auf. Sie sind alle da, weil du sie verdrängt hast,
und deshalb lässt du sie nicht heraus. Du hast die Tür
verschlossen und sie in den Keller gesteckt, damit sie nicht
herauskommen. Selbst wenn sie entweichen wollten, würdest du sie
nicht herauslassen. Sie werden dich dein Leben lang stören.
Nachts werden sie zu Alpträumen, zu bösen Träumen. Am Tag werden
sie sich auf deine Handlungen auswirken.
Es besteht auch immer die Möglichkeit, dass deine Emotion zu
stark wird, um sie unter Kontrolle zu halten. Du verdrängst und
verdrängst, und die Wolke wird immer größer. Irgendwann kommt
ein Punkt, wo du sie nicht mehr kontrollieren kannst. Dann
geschieht etwas, von dem die Welt glaubt, du würdest es tun.
Aber wer dich kennt, kann sehen, dass nicht du es tust; du
stehst unter dem Einfluss einer mächtigen impulsiven Kraft. Du
verhältst dich wie ein Roboter; du bist hilflos.
Du mordest, vergewaltigst, tust etwas Abscheuliches - aber
eigentlich bist es nicht du, der es tut. Du hast das ganze
Material gesammelt, das so mächtig geworden ist, dass es dich
nun zwingt, Dinge zu tun - Dinge, die gegen deinen Willen
geschehen, die gegen dich sind. Selbst während du es tust, weißt
du, dass es nicht richtig ist. Du weißt: "Ich sollte das nicht
machen. Warum mache ich es?" Und trotzdem tust du es.
Viele Mörder haben vor vielen Gerichten der Welt ganz ehrlich
gesagt, dass sie nicht gemordet haben. Doch das Gericht kann es
nicht glauben; das Gesetz kann es nicht glauben. Ich kann es
glauben, aber die Gerichte und Gesetze sind zu primitiv; sie
sind noch nicht ausgereift. Sie stützen sich noch nicht auf die
Psychologie. Sie sind einfach nur die Rache der Gesellschaft -
in schöne Worte gefasst, aber in Wirklichkeit tun sie dasselbe,
was dieser Mensch getan hat. Er hat gemordet; jetzt will die
Gesellschaft ihn ermorden. Er war allein, aber die Gesellschaft
hat das Gesetz, die Polizei, das Gericht, das Gefängnis. Und sie
wird ein langes Ritual absolvieren, um sich selbst zu beweisen:
"Wir bringen diesen Mann nicht um; wir versuchen nur, Verbrechen
zu verhindern." Doch das stimmt nicht.
Wenn man Verbrechen verhindern will, sollten sich die Gesetze
eher auf die Psychologie, auf Psychotherapie und Meditation
stützen. Dann wird man in der Lage sein, zu sehen dass kein
Individuum jemals etwas Unrechtes getan hat, sondern dass die
ganze Gesellschaft Unrecht hat. Die Gesellschaft hat Unrecht,
weil sie den Menschen beibringt, Emotionen zu verdrängen, und
wenn sie sie verdrängen, kommt der Punkt, an dem das, was sie
verdrängt haben, überkocht und sie einfach hilflos sind. Sie
sind Opfer. Alle Kriminellen sind Opfer, und die Richter, die
Politiker und die Priester sind die Kriminellen. Da es aber seit
Jahrhunderte so gewesen ist, hat man es akzeptiert.
Tu gar nichts - ignoriere die Emotionen einfach. das ist nicht
schwer: es ist eine ganz einfache Sache. Zum Beispiel steht in
deinem Zimmer ein Stuhl. Ist es schwer ihn zu ignorieren? Du
brauchst nichts damit zu tun. Schau dir die Inhalte deines
Verstandes mit Abstand an; nimm nur ein bisschen Abstand, damit
du sehen kannst: "Das ist Wut. Das ist Traurigkeit. Das ist
Angst. Das sind Sorgen", und so weiter und so fort. Lass sie da
sein. "Ich bin davon nicht betroffen. Ich werde nichts dafür
oder dagegen tun." Und schon beginnen sie zu verschwinden.
Wenn du die einfache Übung lernen kannst, diese Dinge
verschwinden zu lassen, wirst du ein klares Bewusstsein
bekommen; du wirst die Dinge so klar durchschauen und so tiefe
Einsichten erhalten, dass es dich nicht nur persönlich
verändert, sondern auch die verdrängten Inhalte aus deinem
Unterbewusstsein an die Oberfläche kommen. Wenn klar ist, dass
du gelernt hast, nicht mehr zu verdrängen, kommen die
verdrängten Dinge von selbst nach oben. Sie wollen in die Welt
hinaus. Niemand will in deinem Keller im Dunkeln leben. Wenn sie
sehen, dass du Verdrängtes hervorkommen lässt, brauchen sie
nicht mehr zu warten, bis es Nacht wird und du schläfst. Sie
werden herauskommen. Du wirst sehen wie sie aus dem Keller
hervorkriechen und in dein Bewusstsein treten und von dort
verschwinden. Allmählich wird dein Unterbewusstsein leer.
Und das ist das Wunder, die Magie: Wenn das Unterbewusstsein
leer ist, bricht die Wand zwischen dem Bewusstsein und dem
Unterbewusstsein zusammen. Es wird alles Bewusstsein. Zuerst war
nur ein Zehntel deines Verstandes bewusst, nun hast du alle zehn
Teile zusammen - bewusst. Du bist um das Zehnfache bewusster.
Und der Prozess kann noch tiefer gehen; er kann auch das
kollektive Unterbewusste befreien. Der Schlüssel ist derselbe.
Er kann das kosmische Unbewusste befreien. Und wenn du alle
unbewussten Teile unterhalb deines Bewusstseins bereinigen
kannst, wirst du eine so tiefe Bewusstheit haben, dass du so
leicht wie ein Vogel im Flug in höhere Bewusstseinsebenen
gleiten kannst.
Das ist dein offener Himmel. Du warst nur so belastet, von
soviel Gewicht beladen, dass du nicht fliegen konntest. Nun ist
kein Gewicht mehr da. Du bist so leicht, dass die Schwerkraft
ihre Wirkung auf deinen Geist verliert und du zum
Überbewusstsein fliegen kannst - zum kollektiven und kosmischen
Bewusstsein.
Göttlichkeit ist für dich erreichbar. Du musst nur die Teufel
befreien, die du ins Unbewusste gedrängt hattest. Befreie die
Teufel, und das Göttliche wird dir zugänglich. Und beides kann
gleichzeitig geschehen. Während der untere Teil gereinigt wird,
ist dir die höhere Welt bereits zugänglich. Vergiss nicht, ich
sage es noch einmal: Es ist ein einfacher Vorgang.
-Osho-
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