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Tantra
ist Freiheit: Freiheit von allen geistigen Konstruktionen,
Freiheit von allen Spielereien des Verstandes, Freiheit von
allen Strukturen, Freiheit vom anderen. Tantra ist ein Freiraum,
in dem Du sein kannst, so wie Du bist. Tantra ist Befreiung.
Tantra ist keine Religion im üblichen Sinn - denn auch Religion
ist eine Spielerei des Verstandes; Religion drängt dir ein
Muster auf. Ein Christ hat ein bestimmtes Muster, der Hindu hat
eins und auch der Moslem. Religion drängt dir einen bestimmten
Stil auf, eine Disziplin. Tantra befreit dich von allen
Disziplinen.
Wenn es keine Disziplin gibt, keine aufgezwungene Ordnung, dann
entsteht in dir eine völlig andere Ordnung. Es ist eine Ordnung,
die Laotse "Tao" nennt und Buddha "Dharma". Diese Ordnung kommt
nicht von Dir, sie widerfährt dir. Tantra schafft in dir nur
den Raum, in dem sie sich ereignen kann. Tantra lädt diese
Ordnung nicht ein, es wartet nicht einmal auf sie. Tantra
bereitet den Boden vor, das ist alles. Und wenn der Freiraum
geschaffen ist, dann ergiesst sich das All in ihn.
Ich habe eine sehr schöne, eine uralte Geschichte gehört. Auf
dem Land hat es seit langer Zeit nicht geregnet. Alles war
ausgedörrt. Schliesslich beschlossen die Leute, den Regenmacher
zu holen. Eine Abordnung machte sich auf den Weg in die weit
entfernte Stadt, wo der Regenmacher lebte, und die Abgesandten
baten ihn dringend darum, so schnell wie möglich zu kommen und
Regen für ihre ausgedörrten Felder zu machen. Der Regenmacher,
ein weiser, alter Mann, sagte zu, allerdings unter der
Bedingung, dass man ihm eine kleine Hütte irgendwo draussen auf
dem Lande gäbe. Dort wollte er sich für drei Tage zurückziehen.
Essen und Trinken brauche er nicht. Nach drei Tagen wolle er
sehen, was er machen könne. Seine Bedingungen wurden erfüllt. Am
Abend des dritten Tages goss es in Strömen und eine begeisterte
Menschenmenge pilgerte zur Hütte des Regenmachers. "Was hast du
bloss gemacht?" wollten die Leute wissen. "Sag' es uns."
"Es war ganz einfach" antwortete der Regenmacher. "Drei Tage
lang habe ich nur mich selber in Ordnung gebracht. Denn ich
weiss: wenn in mir alles in Ordnung ist, dann ist auch die
ganze Welt in Ordnung, und die Dürre muss dem Regen weichen".
Tantra sagt: Wenn du in Ordnung bist, dann ist die ganze Welt
in Ordnung. Wenn Du ausgeglichen bist, dann ist die ganze
Existenz in Harmonie für dich. Und wenn in dir keine Ordnung
ist, dann ist auch die ganze Welt in Unordnung. Wenn du dir eine
Ordnung aufzwingst, spaltest du nur dein Wesen, und tief in
deinem Inneren existiert die Unordnung weiter.
Du kannst es beobachten: wenn du viel Wut in dir hast, kannst
du zwar deinen Zorn in den Griff bekommen, du kannst ihn tief in
dein Unterbewusstsein verdrängen, aber er wird dadurch nicht
verschwinden. Vielleicht wirst du deine Wut vollkommen aus
deinem Bewusstsein verbannen, aber sie existiert - und du weisst,
dass es sie gibt. Deine Wut rumort im Untergrund, sie sitzt
unsichtbar im dunklen Keller deines Wesens, aber sie existiert.
Du kannst auf ihr draufsitzen und freundlich lächeln, aber du
weisst, dass die Wut in jedem Moment losbrechen kann. Und dein
Lächeln kann nicht vom Herzen kommen, und dein Lächeln kann
nicht echt sein, und dein Lächeln wird nichts weiter sein, als
ein Zwang, den du dir selber antust. Ein Mensch, der sich eine
Ordnung von aussen aufzwingt, verharrt im Zustand der Unordnung.
Tantra sagt, dass es eine andere Art von Ordnung gibt; du
zwingst dir nicht irgendeine Ordnung auf, du zwingst dir nicht
irgendeine Disziplin auf, du lässt einfach alle Strukturen los
und wirst natürlich und spontan.
Es ist der grösste Schritt den man vom Menschen verlangen kann.
Man braucht viel Mut dazu, denn die Gesellschaft wird ganz und
gar dagegen sein. Die Gesellschaft will eine gewisse Ordnung.
Wenn du dich nach der Gesellschaft richtest, dann wird sie
zufrieden mit dir sein. Wenn du aber hier und da ein bisschen
vom Pfad der Ordnung abweichst, dann wird die Gesellschaft sehr
wütend, und der Mob rast.
Tantra ist eine Rebellion. Ich nenne Tantra nicht revolutionär,
denn es ist nicht politisch. Und ich nenne es nicht
revolutionär, weil es die Welt nicht verändern will; es ist
keine Strategie zur Veränderung von Staat und Gesellschaft.
Tantra ist rebellisch, es ist eine Rebellion des Individuums.
Ein einzelner Mensch löst sich von den Strukturen und entkommt
der Sklaverei. Aber in dem Moment, wo du der Sklaverei
entschlüpfst, erlebst du eine völlig andere Art der Existenz,
eine Existenz, die du noch nie gespürt hast, es ist so als ob du
eine Binde vor den Augen hattest, die plötzlich abfällt. Du
öffnest die Augen, und du kannst plötzlich eine ganz andere Welt
sehen.
Diese Augenbinde ist das, was ihr euren Verstand nennt, eure
Gedanken, eure Vorurteile, eure Kenntnisse, eure heiligen
Schriften - all das fügt sich zusammen zu einer dicken
Augenbinde. Sie halten euch im Dunkeln, sie machen euch dumpf,
sie hindern euch daran, lebendig zu sein.
Tantra möchte, dass du lebendig bist - so lebendig wie die
Bäume, so lebendig wie die Flüsse, so lebendig wie die Sonne und
der Mond. Das ist dein Geburtsrecht. Wenn du deine Lebendigkeit
verlierst, gewinnst du nichts, du verlierst alles. Und wenn du
alles opferst, damit du lebendig sein kannst, verlierst du in
Wahrheit nichts.
Ein einziger Moment der Freiheit ist ein ganzes Leben wert, und
ein langes Leben von hundert Jahren unter dem Sklavenjoch ist
ein vergeudetes Leben.
Wer in der Welt des Tantra leben will, braucht Mut, denn Tantra
ist abenteuerlich. Bis jetzt ist es nur ein paar Menschen
gelungen, diesen Pfad einzuschlagen. Aber die Zukunft ist
hoffnungsvoll. Tantra wird immer wichtiger werden. Die Menschen
beginnen zu begreifen, was Sklaverei bedeutet. Und die Menschen
verstehen allmählich auch, dass keine politische Revolution sich
je als revolutionär erwiesen hat.
Alle politischen Revolutionen verwandeln sich am Ende in eine
Anti-Revolution. Sobald die Revolutionäre an der Macht sind,
werden sie Anti-Revolutionäre. Macht ist anti-revolutionär, das
ist der innere Mechanismus der Macht. Gib' irgendjemand die
Macht, und schon wird er anti-revolutionär. Macht schafft sich
ihre eigene Welt. Es hat viele Revolutionen auf der Welt
gegeben, und alle sind gescheitert, total gescheitert - keine
einzige Revolution hat irgendetwas erreicht. Und jetzt endlich
wird das den Menschen bewusst.
Tantra bietet eine andere Perspektive. Es ist nicht
revolutionär, es ist rebellisch. Rebellion ist individuell. Du
kannst alleine rebellieren, du brauchst dafür keine Partei zu
gründen. Du kannst allein rebellieren, ganz für dich allein.
Merkt euch, Rebellion bedeutet nicht Kampf gegen die
Gesellschaft, sie geht einfach über die Gesellschaft hinaus.
Rebellion ist nicht anti-sozial, sie ist asozial. Sie hat mit
der Gesellschaft nichts zu tun. Sie ist für die Freiheit, für
die Freiheit, so zu sein, wie du bist.
Schau dir dein Leben einmal an. Bist du ein freier Mensch? Du
bist es nicht: tausend Fesseln halten dich gefangen. Du willst
sie nicht sehen, du magst sie nicht wahrhaben - sie sind dir
sehr peinlich, denn das tut weh, aber es ändert an der Situation
nichts. Du bist ein Sklave. Wenn du in die Welt des Tantra
eintreten willst, musst die die Tatsache deiner Unfreiheit
anerkennen. Sie sitzt sehr tief. Sie muss überwunden werden, und
wenn du sehen kannst, dass du unfrei bist, dann fällt es dir
leichter, deine Unfreiheit abzuschütteln.
Höre auf damit, dir etwas vorzumachen, höre auf dich zu trösten,
höre auf damit, dir ständig einzureden "Es ist doch alles okay!" Es ist nicht so. Nichts ist okay, dein ganzes Leben ist
nichts weiter als ein Albtraum. Schaue es dir doch mal genau an! Es gibt keine Poesie und keinen Gesang und keinen Tanz und
keine Liebe und kein Gebet. Es gibt keine Ekstase. Freude? -
ist nur ein Wort im Wörterbuch. Seligkeit? - ja, du hast davon
gehört, aber du hast keine Ahnung davon. Gott? - in den
Tempeln, in der Kirche. Ja, die Leute reden von ihm, aber wer
von Gott redet, weiss nicht, wovon er redet. Und diejenigen, die
von ihm hören, wissen ebensowenig. Alles Schöne scheint
bedeutungslos, und alles, was keine Bedeutung hat, erscheint als
sehr, sehr wichtig. Der Mensch ist ständig damit beschäftigt,
Geld zu scheffeln, und er bildet sich ein, dass er etwas
äusserst wichtiges tut. Die Dummheit des Menschen kennt keine
Grenzen.
Hüte dich davor, die Dummheit kann dein Leben zerstören. Sie
zerstört seit ewigen Zeiten das Leben von Millionen von
Menschen. Sei wachsam - das ist die einzige Möglichkeit aus der
Dummheit herauszukommen.
Bevor wir uns den heutigen Sutras zuwenden, müssen wir etwas von
der tantrischen Landkarte des inneren Bewusstseins verstehen.
Ich habe euch schon einiges davon berichtet, aber ihr müsst noch
mehr davon wissen.
Erstens: Tantra sagt, dass kein Mann nur Mann ist und keine
Frau nur Frau. Jeder Mann ist beides - Mann und Frau. Und mit
der Frau ist es genauso - sie ist Frau und Mann. Eva ist Adam
und Adam ist Eva.
Tatsächlich ist niemand nur Adam, und niemand ist nur Eva: wir
sind alle Adam-Evas. Das ist eine der grössten Einsichten, die
es je gegeben hat. Die moderne Tiefenpsychologie hat es auch
erkannt. Sie hat den Begriff Bi-Sexualität geprägt. Aber Tantra
weiss es schon seit mindestens fünftausend Jahren und hat es
seither gepredigt. Es ist eine der grössten Entdeckungen der
Welt, denn mit diesem Verständnis kannst du nach innen gehen,
ohne dieses Verständnis kannst Du nicht nach innen gehen. Warum
verliebt sich ein Mann in eine Frau? Weil er eine Frau in sich
trägt. Wäre das nicht so, dann würde er sich nicht verlieben.
Und warum verliebst du dich in eine ganz bestimmte Frau? Es gibt
Tausende von Frauen. Warum wird eine bestimmte Frau plötzlich so
überaus wichtig für dich? Es ist so, als wären mit einem mal
alle anderen Frauen aus der Welt verschwunden und nur diese eine
existierte noch. Warum? Warum zieht dich nur dieser eine ganz
bestimmte Mann an? Warum diese Liebe auf den ersten Blick?
Tantra sagt: du trägst das Bild einer Frau in dir, du trägst
das Bild eines Mannes in dir. Jeder Mann hat eine Frau in sich,
und jede Frau hat einen Mann in sich. Sobald jemand deinem
inneren Bild entspricht, verliebst du dich - das versteht man
unter Liebe. Ihr versteht es nicht. Ihr zieht ratlos die
Schultern hoch und sagt: "Es ist eben einfach passiert." Aber
es gibt da einen ganz subtilen Mechanismus. Warum passiert es
gerade mit dieser Frau? Warum nicht mit einer anderen? Weil
das Bild in dir nur auf diese eine Frau passte, deshalb. Die äussere Frau entspricht irgendwie dem Bild deiner inneren Frau.
Irgendetwas passt da zusammen, und du fühlst, "das ist meine
Frau" oder "das ist mein Mann". Dieses Gefühl ist das, was man
unter Liebe versteht. Aber die äussere Frau wird dich nicht
erfüllen, denn keine äussere Frau entspricht letztlich
vollkommen deiner inneren Frau.
Die Realität ist einfach nicht so. Vielleicht passt sie ein
bisschen - es gibt eine gewisse Faszination, eine
Anziehungskraft, aber das wird früher oder später nachlassen.
Schon bald wirst du feststellen, dass es tausend Dinge gibt, die
dir an der Frau nicht gefallen. Es ist nur eine Frage der Zeit,
bis du das herausfindest.
An Anfang bist du ganz vernarrt. Die Ähnlichkeit mit dem Bild,
das du in dir trägst, überwältigt dich. Aber ganz allmählich
wirst du tausend Dinge entdecken - Kleinigkeiten im Alltag, die
nicht passen, und du wirst erkennen, dass ihr einander fremd
seid. Ja, du liebst sie immer noch, aber die Liebe ist keine
Leidenschaft mehr; die romantische Vorstellung verschwindet. Und
auch die Frau wird sehen, dass du zwar immer noch anziehend
bist, aber dass deine Totalität nachgelassen hat. So kommt es,
dass jeder Ehemann seine Frau verändern und das jede Ehefrau
ihren Ehemann ummodeln will. Was wollen wir eigentlich damit
erreichen? Warum? Warum will die Ehefrau ständig ihren Mann
umkrempeln? Wozu eigentlich? Kaum hat sie sich in ihn
verliebt, schon fängt sie an, ihn zu ändern. Kaum sind ihr die
Unterschiede bewusst geworden, will sie sie auch schon
beseitigen. Sie möchte einfach ein paar störende Brocken von dem
Mann absäbeln, damit er dann vollkommen ihrer Idealvorstellung
entspricht. Und der Mann versucht das gleiche - nicht so heftig,
nicht so stur wie die Frau, denn gewöhnlich gibt der Ehemann
schneller auf - die Frau gibt die Hoffnung nicht so schnell auf.
Die Frau denkt: "Heute oder morgen oder übermorgen - irgendwann
- werde ich ihn verändern..." Es dauert fast zwanzig,
fünfundzwanzig Jahre, bist du endlich die Tatsache begreifst,
dass du den anderen nicht ändern kannst. Mit fünfzig, wenn die
Frau ihre Wechseljahre schon hinter sich hat und der Mann auch,
wenn sie beide wirklich alt werden, erst dann geht ihnen langsam
auf, dass sich nichts verändert hat. Sie haben sich die grösste
Mühe gegeben, sie haben alles versucht... aber die Frau ist so,
wie sie immer war, und der Mann ist auch unverändert. Keiner
kann den anderen ändern. Das ist eine der wichtigsten
Erfahrungen im Leben und eine grosse Einsicht.
Deshalb werden die Leute im Alter toleranter: sie wissen, dass
nichts getan werden kann. Deshalb werden alte Leute
liebenswürdiger: sie wissen, die Dinge sind, wie sie sind.
Deshalb werden alte Leute verständnisvoller. Junge Leute sind
wütend und uneinsichtig. Sie wollen alles umkrempeln. Sie wollen
die Welt verändern, damit sie ihren Idealen entspricht. Sie
kämpfen tapfer dafür, aber vergebens. Veränderung hat es nie
gegeben. Es kann sie nicht geben - es liegt nicht in der Natur
der Dinge. Der äussere Mann kann niemals deinem inneren Mann
entsprechen, und die äussere Frau kann niemals haargenau so sein
wie deine innere Frau. Deshalb bringt Liebe nicht nur Vergnügen,
sondern auch Schmerz. Liebe bringt Freude und Traurigkeit, und
die Traurigkeit ist viel grösser als die Freude.
Was schlägt Tantra vor? Was muss getan werden? Tantra sagt:
Es ist unmöglich, das Glück draussen zu finden; du musst nach
innen gehen. Du musst deine innere Frau oder deinen inneren Mann
finden und die sexuelle Verschmelzung mit deinem Inneren suchen.
Diese Erkenntnis ist eine wichtige Errungenschaft. Wie kann das
geschehen? Versuch, die innere Landkarte des Tantra zu
verstehen. Ich sprach von sieben Chakras der
Tantra-Yoga-Physiologie. Im Mann ist das Muladhar männlich und
Swadhistan weiblich. In der Frau ist das Muladhar weiblich und
das Swadhistan männlich. In den sieben Chakras ist die Dualität
bis hinauf ins sechste Chakra vorhanden; das siebte Chakra ist
nicht dual. Die Vereinigung findet in dir statt: Muladhar und
Swadhistan vermählen sich. Manipura-Anahata (zweites Zentrum)
müssen sich vermählen. Visudda-Ajna (drittes Zentrum) müssen
sich vermählen.
Wenn deine Energie nach aussen geht, brauchst du aussen eine
Frau, eine äussere Frau. Einen Augenblick lang gewinnst du einen
Einblick, nur für einen Moment, denn der Koitus mit der äusseren
Frau kann nicht dauerhaft sein - er kann nur momentan sein. Für
einen einzigen Augenblick nur kannst du dich in den anderen
verlieren. Dann wirst du wieder auf dich zurückgeworfen, mit
Macht auf dich zurückgeworfen. So kommt es, dass nach jedem
Liebesakt eine gewisse Frustration einsetzt: du hast wieder
gesagt, es war nicht so, wie du es dir gewünscht hattest. Ja, du
hast einen Höhepunkt erreicht, aber bevor es dir überhaupt
bewusst wurde, hatte schon der Niedergang, der Absturz begonnen.
Bevor du den Gipfel erreicht hattest.... das Tal. Bevor du dem
Mann, der Frau begegnet bist... und schon die Trennung. Die
Scheidung kommt schon mit der Hochzeit - so schnell, dass es
frustrierend ist. Alle Liebenden sind frustrierte Leute. Sie
erwarten viel, sie hoffen trotz all ihrer Erfahrung. Sie hoffen
und hoffen, aber nichts hilft - du kannst die Gesetze der
Realität nicht abschaffen. Du musst vielmehr diese Gesetze
verstehen. Die äussere Vereinigung kann nur momentan sein, aber
die innere Vereinigung kann eine Ewigkeit dauern. Und je höher
im Chakra-System du steigst, desto ewiger kann die Vereinigung
werden.
Das erste, Muladhar, ist im Mann männlich. Tantra rät dir:
erinnere dich an deine innere Frau sogar dann, wenn du dich mit
der äusseren Frau vereinigst. Mache Liebe mit der äusseren Frau
und denke dabei an die innere. Richte deine Bewusstheit nach
innen und vergesse die äussere Frau vollkommen. Im Augenblick
des Orgasmus vergesse den Mann oder die Frau vollkommen.
Schliesse die Augen, sei innen und mache eine Meditation daraus.
Verpasse die günstige Gelegenheit nicht, wenn die Energie
erwacht. Das ist der Augenblick für die Begegnung - für eine
Reise nach innen. Normalerweise ist es schwer, nach innen zu
schauen. Aber im Liebesmoment ist eine Lücke, und du bist nicht
mehr so, wie du sonst bist. In einem Liebesmoment bist du ein
Maximum. Wenn der Orgasmus kommt, pulsiert deine ganze
körperliche Kraft in einem Tanz; jede Zelle, jede Faser deines
Körpers tanzt in einem Rhythmus, in einer Harmonie, die du im
normalen Leben nicht kennst. Das ist der Augenblick: dieser
Augenblick der Harmonie - nutze ihn als ein Tor nach innen. Wenn
du Liebe machst, werde meditativ, schaue nach innen.
In diesem Augenblick öffnet sich eine Tür. Das ist die
Tantra-Erfahrung. Eine Tür öffnet sich in diesem Augenblick, und
Tantra sagt, dass du nur deshalb glücklich bist, weil sich diese
Tür geöffnet hat und dir deine innere Glückseligkeit
entgegenströmt. Das Glück kommt nicht von der äusseren Frau. Es
kommt nicht von dem äusseren Mann; es kommt von deinem innersten
Kern. Das Äussere ist nur ein Vorwand.
Tantra sagt nicht, dass man sündigt, wenn man mit der äusseren
Frau oder dem äusseren Mann schläft, es sagt nur, dass dieser
Akt nicht sehr weit führt. Es verurteilt ihn nicht, es
akzeptiert seine Natürlichkeit. Aber es sagt auch, dass du dich
von dieser Liebeswelle tief nach innen tragen lassen kannst. In
diesem Augenblick höchster Erregung scheint die Schwerkraft
aufgehoben: du kannst fliegen. Der Pfeil kann den Bogen zum
Ziel führen. Du kannst ein Saraha werden.
Wenn du beim Liebesakt meditativ wirst, wenn du still wirst,
wenn du deine Augen schliesst und nach innen schaust, wenn du
die äussere Frau oder den äusseren Mann vergisst - dann
geschieht es. Das Muladhar, dein männliches inneres Zentrum,
bewegt sich auf das weibliche Zentrum Swadhistan zu - und dann
kommt es zu einem inneren Liebesakt.
Manchmal ereignet es sich und du merkst es gar nicht. Bisher
kanntet ihr die innere Tantra-Landkarte nicht. Jetzt werde ich
sie euch geben. Ein Sanyassin schrieb, dass er ständig das
Gefühl hat, sich in einem Orgasmus aufzulösen. Sein ganzer
Körper fängt an zu pulsieren, und es fühlte sich für ihn so an,
als ob er mit einer Frau schlafe. Natürlich ist er ganz
verwirrt. Das Glück ist so überwältigend, dass ihm Angst und
Bange wird: Was ist los? Was passiert da in ihm?
Ganz einfach: Muladhar vereinigt sich mit Swadhistan, dein
männliches Zentrum vereinigt sich mit deinem weiblichen Zentrum.
Du erfährst das Glück, das sich einstellt, wenn du in Meditation
gehst, wenn du ins Gebet gehst. Dies ist der Mechanismus deiner
inneren Lebensfreude. Und in dem Augenblick, da sich Muladhar
und Swadhistan vereinigen, wird die Energie freigesetzt. Wenn du
deine Frau liebst, wird Energie freigesetzt, und so ist es auch,
wenn sich Muladhar und Swadhistan vereinigen: Energie wird
freigesetzt, und diese Energie trifft auf das höhere Zentrum, Manipura.
Manipura ist männlich, Anahata ist weiblich. Wenn du dich auf
die erste Vereinigung deiner inneren Frau und deinem inneren
Mann eingestimmt hast, wird sich eines Tages, ganz plötzlich die
zweite Vereinigung ereignen. Du brauchst gar nichts dafür zu tun
- es ist einfach so, dass die Energie, die bei der ersten
Vereinigung freigesetzt wurde, nun die Voraussetzung für die
zweite Vereinigung schafft. Und die Energie, die bei der zweiten
Vereinigung erwacht, löst die dritte aus.
Die dritte Vereinigung ist die zwischen Visuddha und Ajna. Und
wenn sich die dritte Begegnung ereignet, wird die Energie für
die vierte geschaffen, die keine Begegnung ist, keine
Vereinigung, sondern Einheit. Saharar ist allein. Es gibt kein
männlich-weiblich mehr. Adam und Eva sind ineinander aufgegangen
und verschwunden - vollständig und total. Der innere Mann ist
zur Frau geworden, die innere Frau zum Mann, alles Trennende ist
verschwunden. Das ist die absolute, die ewige Vereinigung. Die
Hindus nennen es Satchitananda. Und Jesus nennt es "Das Reich
Gottes".
Tatsächlich hat die Zahl sieben in allen Religionen Bedeutung.
Sieben Tage sind symbolisch, und der siebte Tag ist der
Feiertag, der heilige Tag. Sechs Tage lang hat Gott gearbeitet,
am siebten ruhte er sich aus. An sechs Chakras musst du
arbeiten, das siebte Chakra ist der Zustand grosser Ruhe,
absoluter Entspannung - du bist zu Hause angekommen. Mit dem
siebten Chakra verschwindest du als Dualität.
Alle Polaritäten verschwinden, alle Unterscheidungen
verschwinden. Die Nacht ist nicht mehr die Nacht, und der Tag
ist nicht mehr der Tag. Sommer ist nicht mehr Sommer und Winter
ist nicht mehr Winter. Materie ist nicht mehr Materie, und Geist
ist nicht mehr Geist - du bist darüber hinausgegangen. Das ist
der transzendentale Bereich, den Buddha Nirvana nennt. Diese
drei inneren Begegnungen und die Errungenschaft der vierten
haben auch eine andere Dimension. Ich habe oft zu euch von den
vier Zuständen gesprochen: Schlaf, Traum, Aufwachen, Turiya.
Turiya bedeutet "das Vierte, "das Jenseitige". Die sieben
Chakras und unsere Arbeit mit ihnen, korrespondieren auch mit
diesen vier Zuständen.
Die erste Vereinigung, die zwischen Muladhar und Swadhistan ist
wie im Schlaf. Die Vereinigung ereignet sich, aber du kriegst
das gar nicht so richtig mit. Du geniesst sie, du fühlst, wie
eine wunderbare Frische in dir aufsteigt. Du fühlst dich sehr
ausgeruht, wie nach einem tiefen Schlaf. Aber du kannst nichts
genauer wahrnehmen - es ist sehr dunkel. Der Mann und die Frau
in dir sind sich begegnet, aber es war eine Begegnung im
Unbewussten. Die Vereinigung hat nicht am hellen Tag
stattgefunden, sondern in dunkler Nacht. Ja, du spürst die
Auswirkungen, du nimmst plötzlich eine Energie in dir wahr, eine
Strahlkraft, ein Glühen. Du hast eine Aura. Und es mag sogar
sein, dass die Menschen in deiner Umgebung eine gewisse Präsenz
an dir wahrnehmen, eine Schwingung. Aber du selbst weisst nicht
genau, was los ist. Deshalb ist die erste Vereinigung wie im
Schlaf.
Die zweite Vereinigung ist wie im Traum - wenn Manipura und
Anahata sich begegnen, ist deine Vereinigung mit der inneren
Frau so, als wäret ihr euch im Traum begegnet. Ja, du kannst
dich ein bisschen daran erinnern, etwa so, wie du dich am Morgen
an den Traum erinnern kannst, den du in der Nacht hattest -
hier ein bisschen, da ein bisschen, einige Lichtblicke;
vielleicht hast du etwas vergessen - dennoch kannst du dich
irgendwie erinnern. Die zweite Vereinigung ist wie im Traum. Es
ist dir bewusst, dass sie stattfand. Langsam dämmert dir, dass
irgendetwas passiert, langsam wird dir bewusst, dass du dich
veränderst, dass eine Transformation im Gange ist, dass du nicht
mehr derselbe Mensch bist, der du vorher warst. Und bei der
zweiten Vereinigung wird dir langsam bewusst werden, dass dein
Interesse an der äusseren Frau nachlässt. Dein Interesse an dem
äusseren Mann ist nicht mehr so hitzig, wie es vorher war.
Veränderungen gibt es auch bei der ersten Vereinigung, aber sie
wird dir nicht bewusst. Bei der ersten Vereinigung mag dir
auffallen, dass du nicht mehr so sehr an deiner Frau
interessiert bist, bei der zweiten Vereinigung kannst du nicht
verstehen, dass du an überhaupt keiner Frau mehr interessiert
bist. Du denkst vielleicht, dass deine Frau dich langweilt und
das du mit einer anderen Frau glücklicher sein könntest; ein
bisschen Veränderung täte gut, ein anderes Klima, eine andere
Frau mit anderen Qualitäten. Es ist nur eine Vermutung. Bei der
zweiten Vereinigung fühlst Du, dass du nicht mehr an der Frau,
an dem Mann interessiert bist, dass dein Interesse sich nach
innen richtet. Mit der dritten Vereinigung wirst du vollkommen
bewusst. Es ist so, als ob du aufwachst.
Visuddha begegnet Ajna... du wirst absolut bewusst, die
Vereinigung ereignet sich im Tageslicht. Oder du kannst es auch
so sagen: die erste Vereinigung ereignet sich in dunkler
Mitternacht; die zweite Vereinigung findet im Morgengrauen
statt, wenn die Nacht dem Tag weicht. Die dritte Vereinigung
findet Mittags statt - du bist hellwach, alles ist klar. Jetzt weisst du, dass du mit der äusseren Frau durch bist. Das bedeutet
nicht, dass du deine Frau oder deinen Ehemann verlässt, es
bedeutet lediglich, dass die Faszination nicht mehr da ist; du
hast Mitgefühl. Natürlich ist die Frau, die dir bis hierher
geholfen hat, ein guter Freund, der Mann, der dich bis hierher
begleitet hat, ist ein Freund; du bist dankbar. Jetzt seid ihr
einander dankbar und mitfühlend. So ist es immer, wenn das
Verstehen kommt - es führt zu Mitgefühl.
Mit der Erkenntnis kommt immer das Mitgefühl. Deshalb sage ich
auch nicht, dass ihr eure Familien verlassen sollt. Bleibt bei
ihnen. Erleuchtung hängt nicht vom Ort ab, sie hat nichts zu tun
mit Wald oder mit Stadt, mit Familie oder mit Ashram, sie hat
etwas mit deinem innersten Kern zu tun. Erleuchtung ist überall
möglich. Zuerst bemerkst du, dass dein Interesse am anderen
nachlässt. Dieser Eindruck ist noch verschwommen, düster, so,
als wenn du durch ein dunkles getöntes Glas oder durch einen
dichten Morgennebel schaust. Dann, bei der zweiten Vereinigung,
werden die Dinge ein bisschen klarer, so wie im Traum. Der Nebel
hat etwas nachgelassen.
Bei der dritten Vereinigung wirst du hellwach. Es ist geschehen: die innere Frau hat sich mit dem inneren Mann vereinigt. Die
Bio-Polarität ist nicht mehr da, du bist plötzlich eine Einheit.
Die Schizophrenie ist verschwunden, du bist nicht mehr
gespalten. Mit dieser Integration wirst du zum Individuum.
Vorher bist du kein Individuum, du bist eine Menschenmenge: du
bist ein Mob, du bist viele Menschen, du bist multi-psychisch.
Plötzlich fügt sich alles in dir zur Ordnung.
Das ist es, was die alte Geschichte uns sagen will. Der
Regenmacher hat um drei Tage gebeten. Wenn ihr euch gelegentlich
in diese kleinen Geschichten vertieft, werdet ihr verwundert
sein; ihre Symbole sind grossartig. Der Mann hat darum gebeten,
drei Tage in Stille zu meditieren. Warum drei Tage? Das sind
die drei Phasen: Im Schlaf, im Traum, im Wachzustand, er wollte
sich in Ordnung bringen. Zuerst ereignet es sich im Schlaf, dann
ereignet es sich im Traum, dann ereignet es sich im Wachzustand.
Und wenn Du in Ordnung bist, dann ist die ganze Existenz in
Ordnung. Wenn du ein Individuum geworden bist, wenn deine innere
Spaltung verschwunden ist und du eine Einheit geworden bist,
dann hat sich alles zusammengefügt. Es mag paradox erscheinen,
aber es muss gesagt werden: das Individuelle ist das
Allumfassende. Wenn Du individuell geworden bist, erkennst du
plötzlich, dass du universal bist. Bisher hast du geglaubt, du
seist von der Existenz getrennt. Jetzt kannst du das nicht mehr
denken.
Adam und Eva sind ineinander aufgegangen. Das ist das Ziel, das
jeder Mensch auf die eine oder andere Art erreichen will. Die
Wissenschaft des Tantra ist der sicherste Weg dorthin. Das ist
das Ziel.
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