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Eine Sufi
Geschichte
El Mahdi Abbassi erklärte, dass es nachweislich im Menschen
etwas gäbe, woran jeder Versuch, ihm zu helfen, scheitern könne.
Da ihm einige Leute diese Theorie nicht glaubten, versprach er
ihnen, einen konkreten Beweis dafür zu liefern. Die Sache war
längst vergessen, als El Mahdi einen Mann anwies, einen Sack
Gold auf die Mitte einer Brücke zu legen; einen anderen sandte
er zu einem bankrotten Schuldner, der sich an das eine Ende der
Brücke stellen und sie dann überqueren sollte.
Abbassi wartete mit seinem Augenzeugen am unteren Ende der
Brücke. Als der Mann bei ihnen ankam, fragte ihn Abbassi: "Was
hast du auf der Mitte der Brücke gesehen?"
"Nichts", antwortete der Mann.
"Wie ist das möglich?", fragte Abbassi.
Der Mann erwiderte: "Als ich die Brücke betrat, dachte ich mir,
dass es lustiger wäre, die Strecke mit geschlossenen Augen
zurückzulegen, und das tat ich auch ..."
Die Interpretation von Osho
Ein Mensch trägt den Keim seines Glücks oder Unglücks, seines
Himmels oder seiner Hölle in sich. Was immer dir geschieht - es
geschieht deinetwegen. Äußere Ursachen sind zweitrangig, die
inneren Ursachen geben den Ausschlag. Und solange du das nicht
verstehst, ist keine Veränderung möglich. Dein Verstand will
dich nämlich nur hinters Licht führen, wenn er nach außen
verweist: "Die Ursache deines Unglücks oder Glücks liegt
irgendwo außerhalb!"
Wenn die Ursache außen liegt, besteht keine Möglichkeit zur
Freiheit, denn dann kann es kein Moksha geben, keinen Zustand
endgültiger Befreiung. Wenn du vom Außen abhängig bist, musst
du für immer Sklave bleiben. Denn wie willst du die äußeren
Ursachen beeinflussen? Und selbst, wenn du eine Ursache behebst,
kommen tausend nach.''
Das ist der Unterschied, der entscheidende Unterschied, zwischen
einer religiösen und unreligiösen Haltung. Ein Kommunist denkt
genau andersherum. Marx würde auf keinen Fall mit dem
einverstanden sein, was El Mahdi in dieser Geschichte behauptet.
Nach Marx liegen die Ursachen in den Lebensverhältnissen des
Menschen. Der Mensch lebt unglücklich aufgrund äußerer
Ursachen, die für sein Elend verantwortlich sind. Der Mensch
kann erst dann glücklich werden, wenn diese Ursachen behoben
sind. Nach Marx brauchen wir eine Revolution, die die äußeren
Umstände verändert. Folgt man dagegen Jesus, Mohammed, Mahavir
oder Krishna, dann stimmt diese Diagnose nicht.
Die Ursachen liegen innen. Das Außen ist nur ein Vorwand. Ihr
könnt die Außenwelt verändern, aber solange innen alles beim
Alten bleibt, wird sich gar nichts ändern. Das Innere wird immer
wieder die alten Muster herstellen, ganz egal wie die äußere
Situation ist - denn der Mensch lebt von innen heraus.
Du trägst deinen Himmel in dir. Und deine Hölle auch.
Und wenn du unglücklich bist, dann schiebe es nicht auf die
äußeren Ursachen. Damit ist dir nicht geholfen.
Rationalisierungen reiten dich nur noch tiefer hinein. Wenn du
unglücklich bist, dann forsche in dir nach, woran es liegt.
Vergiß das niemals. Andernfalls kann man sich viele Leben lang
im selben Gleis bewegen, immer im selben Teufelskreis.
Mulla Nasruddin träumte eines Nachts er wäre im Himmel. Alles
war so herrlich um ihn herum - ein stilles Tal, über dem die
Sonne aufging, die Vögel zwitscherten, und er saß allein unter
einem Baum. Aber bald verspürte er Hunger, und es war niemand
da, weit und breit keine Seele. Trotzdem rief er: "Hallo, ist
hier jemand?" Und ein schlanker schöner Mann erschien und
verbeugte sich: "Zu Diensten, mein Herr. Was auch immer du
befiehlst, will ich tun." Also bat er um etwas zu Essen. Und was
er begehrte, wurde ihm sofort erfüllt. Er dachte "Essen" und
schon stand das köstliche Mahl vor ihm. Er aß sich satt und
legte sich dann aufs Ohr. Und so ging es weiter. Was immer
er wollte ... , wollte er eine schönen Frau, dann war eine da. Was
immer er wollte! Brauchte er abends ein Bett, so wurde auch das
geliefert.
Und so ging es ein paar Tage. Aber wie lange konnte das so
weiter gehen ...? Er fing an, sich zu langweilen, es satt zu
haben. Alles war einfach zu gut, wirklich zuviel. Es war
unerträglich. Er sehnte sich nach etwas Unglück, es war alles zu
schön. Er wünschte sich ein paar Probleme herbei, denn bisher
hatte er noch nie ohne Konflikte, ohne irgendwelche Ängste leben
müssen - über irgendetwas musste er traurig und deprimiert sein
können. Aber alles war so selig, so unerträglich glückselig.
Also rief er den Diener und sagte: "Es reicht. Ich würde jetzt
gerne ein bisschen arbeiten. So ganz ohne Beschäftigung
langweile ich mich ja zu Tode."
Der Mann antwortete: "Ich will ja gern alles für dich tun - aber
diese Bitte kann ich dir nicht erfüllen. Arbeit kann ich dir
nicht geben. Das ist hier ausgeschlossen. Alles, was du dir
wünschst, kann ich dir erfüllen - warum denn dann arbeiten? Wenn
dir die gebratenen Tauben in den Mund fliegen, brauchst du
keinen Handschlag mehr zu tun."
Mulla Nasruddin sagte: "Ich halte es nicht mehr aus! Wenn ich
nicht arbeiten darf, dann ist mir die Hölle weis Gott lieber!"
Da fing der Mann zu lachen an und rief: "Wo meinst du denn, wo
du bist!"
Dieses Höllengelächter weckte ihn auf. Sein Traum war
zerbrochen. Er kam sofort zu mir gerannt und sagte: "Dieser
Traum ist sehr symbolisch. Was genau bedeutet er?"
Ich sage zu ihm: "Erstens hättest du nicht solange mit dem
Aufwachen warten sollen. In dem Augenblick, wo du glaubtest, im
Himmel zu sein, hättest du schon die Augen aufmachen müssen. Wie
kannst denn du im Himmel sein? Du? - und im Himmel? Wie konntest
du das überhaupt glauben!"
Wo immer du hingehst, nimmst du deine eigene Hölle mit. Himmel
und Hölle sind nicht geographisch zu verstehen, es sind keine
Orte - Himmel und Hölle existieren nicht räumlich. Sie sind
Einstellungen. Sie sind psychisch zu verstehen. Sie existieren
sehr wohl - aber nicht irgendwo da draußen, sondern im eigenen
Inneren. Du kannst nicht "In den Himmel kommen" wohin sollte die
Reise wohl gehen? Wo liegt der Himmel? Und du kannst genauso
wenig "In die Hölle kommen."
Du trägst Himmel und Hölle immer mit dir herum. Es ist wie mit
der Spinne und ihrem Netz. Dieses Bild - eines der
tiefsinnigsten Symbole überhaupt - stammt aus den Upanishaden.
Dort heisst es, dass jeder Mensch wie eine Spinne sein eigenes
Netz in sich trägt. Wo sich die Spinne auch aufhält, breitet sie
ihr Netz aus. Sie produziert es aus ihren eigenen Eingeweiden.
Und wenn die Spinne weiterzieht, verschlingt sie es wieder.
Ihr tragt Himmel
und Hölle in euch wie die Spinne ihr Netz. Und wo immer ihr euch
aufhaltet, schafft ihr um euch her euer altes Muster.
Lasst diese Wahrheit so tief wie nur möglich in euch einsinken;
es hängt unendlich viel davon ab. Davon hängt ab, ob du dich
veränderst oder nicht. Hast du diesen Punkt nicht verstanden,
wirst du immer wieder in die Irre gehen. Seit zehn Jahren kommt
ein Mann zu mir und fängt jedes mal von neuem zu meditieren an.
Immer nur für ein paar Tage, höchstens ein, zwei Wochen. Und
jedes mal fühlt er sich großartig, ganz einfach prima. Und
während dieser Zeiten, wo er meditiert, kommt er dann zu mir und
sagt, wie großartig, wie wohl er sich fühle, und dass es ihm
noch nie so gut gegangen sei. Und dann plötzlich hört er mit
einem Schlag auf, verschwindet für einige Monate und vergisst
mich völlig. Aber bald kommt er total niedergeschlagen,
deprimiert und innerlich zerrissen wieder an, und ich empfehle
ihm, wieder mit dem meditieren anzufangen. Wenn ich ihn frage:
"Warum hast du aufgehört? Du hattest dich doch so wohl gefühlt,
du warst doch so glücklich?" - dann antwortet er: "Jedes mal
wenn ich mich großartig und ausgezeichnet fühle, sagt mir eine
innere Stimme: "Jetzt brauchst du nicht mehr zu meditieren! Und
dann höre ich auf, allmählich rutsche ich wieder ab in die
Dunkelheit, und das Elend geht von vorne los. Und dann komme ich
wieder zu dir."
Das letzte mal fragte ich ihn: "Wie oft hast du das eigentlich
schon gemacht? Kannst du nicht aus deiner Erfahrung lernen? In
den letzten zehn Jahren muss es ungefähr dreißig mal gewesen
sein."
Und er versprach: "Diesmal halte ich durch." Aber ich weis, dass
es für ihn nicht möglich ist, denn das hat er schon viele male
versprochen. Auf seine Versprechungen ist kein Verlass. Dreißig
mal hat er mir das schon versprochen, und jedes mal hat er sein
Versprechen gebrochen. Denn er weis überhaupt nicht, was er
macht. Sobald er sich einer inneren Explosion nähert, geht sein
Verstand auf Abstand und sagt: "So - warum jetzt noch
weitermachen? Jetzt bist du glücklich und zufrieden. Warum
machst du dir noch die Mühe, früh am morgen aufzustehen? Wozu
weitermeditieren? Jetzt ist alles in Butter. Jetzt brauchst du
das nicht mehr. Wenn die Krankheit geheilt ist, nimmt man keine
Medizin mehr ein. Also mach Schluss."
Und immer wieder ist es dasselbe, und nie begreift er, was sich
eigentlich abspielt. Im Mahabharata, dem größten Epos der Welt,
kommt folgende Geschichte vor, eine sehr schöne Geschichte: Die
fünf pandavas - die fünf Brüder, um die sich das ganze Epos
dreht - sind aus ihrem Königreich verbannt worden und ziehen als
Flüchtlinge durch die Wälder. eines Tages haben sie großen
Durst, einer der Brüder, der jüngste, geht auf die Suche nach
Wasser. Er kommt an einen herrlichen See, aber sobald er ins
Wasser steigt, um seinen Topf zu füllen, hört er eine
unsichtbare Stimme. "Warte, beantworte mir erst meine Fragen,
dann kannst du Wasser aus diesem See schöpfen. Das ist die
Bedingung: Beantworte mir erst drei Fragen. Und wenn du sie
nicht beantworten kannst, fällst du auf der Stelle tot um. Die
erste Frage ist: "Was ist das Wichtigste am Menschen, das
Allerwichtigste?" Der junge Mann wusste die Antwort nicht und
fiel tot zu Boden.
Darauf folgte ihm der nächste Bruder und wieder der nächste, und
jedes Mal geschah das Gleiche. Schließlich ging der älteste,
Yudhisthira, auf die Suche nach seinen Brüdern, die ausgeblieben
waren, und auch er kam an den See und wollte Wasser schöpfen.
Seine vier Brüder lagen tot am Ufer, und als er ins Wasser
stieg, hörte er die gleiche Stimme: "Antworte erst auf meine
Fragen, sonst musst auch du sterben. Und wenn du die Antwort
weißt, dann wirst du nicht nur am Leben bleiben, sondern du
kannst auch vom Wasser dieses Sees trinken, und das gleiche
Wasser wird auch deinen Brüdern wieder das Leben geben. Du
brauchst ihnen damit nur das Gesicht benetzen. erst aber meine
Fragen. Die erste lautet: "Was ist das Wesentliche am Mensch?"
Und Yudhisthira sagte: "Der wichtigste Zug am Menschen ist, dass
er nie dazulernt." Er durfte das Wasser trinken und seine Brüder
ins Leben zurückrufen. Und es stimmt, das ist einer der
wesentlichsten Züge des Menschen: Er lernt nie etwas dazu. Er
mag sich noch soviel Wissen in den Kopf stopfen, aber lernen
wird er nie. Wissen und Lernen sind zweierlei. Wissen ist
geborgt, es ist papageienhaft; du trichterst es dir ein, stopfst
dir dein Gedächtnis damit aus. Dein Hirn wird zum Computer.
Lernen ist etwas völlig anderes. Lernen kommt nur aus Erfahrung.
Lernen heisst, nie denselben Fehler zu wiederholen, wachsamer zu
werden, immer aufmerksamer, umsichtiger.
Und das will auch diese Sufi-Geschichte sagen: Es steckt etwas
in dir, das dich ständig scheitern lässt - und solange du es
nicht zu fassen bekommst und mit Stumpf und Stiel ausreißt, wird
alles, was du unternimmst, umsonst sein.
Denn was du auch anstellst, du bist der Urheber, und darum muss
es scheitern. Erst muss der Störfaktor in dir, der dich ständig
scheitern lässt, behoben werden; er muss mit der Wurzel
ausgerissen und verbrannt werden. Es ist dir sicher schon
aufgefallen - vielleicht nicht sehr klar und scharf und
eindringlich, aber bemerkt hast du es sicher schon, vielleicht
mehr als Ahnung, neblig, vage und schattenhaft, wie durch einen
Rauchschleier -, dass du immer wieder die gleiche Art von
Fehlern machst, immer wieder. Wie beschämend! Nicht einmal neue
Fehler kannst du erfinden. Was für einen unoriginellen, was für
einen mittelmäßigen Geist du hast ... Hmm? Nicht mal neue Fehler
könnt ihr euch ausdenken! Immer wieder dieselbe Mühle. Wie eine
kaputte Schallplatte, die immer in der gleichen Rille stecken
bleibt.
Wie bei der Transzendentalen Meditation: Ram, Ram, Ram. Immer
und immer wieder. euer Leben ist wie TM, wie eine kaputte
Schallplatte. Oder ist es euch noch nicht aufgefallen, dass ihr
ständig die gleichen Fehler wiederholt? In euren Beziehungen, in
euren Liebesverhältnissen, in euren Freundschaften, in eueren
Geschäften - immer wieder begeht ihr die gleichen Dummheiten.
Und jedes mal hofft ihr, dass sich diesmal alles anders
abspielen wird. Nichts wird sich ändern - denn ihr bleibt die
Gleichen. Wie kann sich also etwas ändern? Ihr hofft gegen alle
Hoffnung. Seht euch den dummen Verstand an: Er hofft, obwohl er
tief drinnen genau weiß, dass es gar keine Hoffnung geben kann;
denn du selbst stehst dir im Weg.
Du
verliebst dich in eine Frau, und alles ist so romantisch, so
voller Poesie. Aber es geschieht nicht zum ersten mal. Es war
schon oft so. Wie oft bist du schon verliebt gewesen, wie oft
schon war die Welt rosarot und romantisch! Die Welt wurde zum
Traum, und alles war so wunderschön - und plötzlich wurde das
Ganze hässlich. Was eben noch so anziehend war, wird plötzlich
abstoßend. Der schöne Traum ist zum Alptraum geworden. Was eben
noch der Himmel war, ist jetzt die Hölle. Und so ist es immer
wieder gewesen. Und trotzdem verliebst du dich wieder, trotzdem
vergisst du alles - und alles wird wieder genauso kommen!
Du bist eine Wiederholungsmaschine. Und solange du diese
Maschine nicht zum Stehen bringst, ist jede Verwandlung
ausgeschlossen. Aber wie? Wie diesen Mechanismus anhalten? Erst
einmal muss man überhaupt wahrnehmen, dass es ihn gibt. Das ist
der allererste Schritt. Man muss wahrnehmen, dass es diese
Wiederholungsmaschine gibt, dass du als Automat funktionierst,
nicht als Mensch. einfach nur als Mechanismus, der sich ständig
wiederholt.
Der Mensch in dir
entsteht erst, wenn du aufhörst, eine Maschine zu sein. Der
Mensch in dir entsteht erst, wenn du dich auf neue Wege begibst,
wenn du neue Pfade betrittst, wenn du dich auf den Weg ins
Unbekannte begibst.
-Osho-
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